Wäre Konstantinopel 1204 nicht an die Kreuzfahrer gefallen, hätte das Reich dann länger überlebt bzw. den Osmanen-Ansturm überlebt?

Manuel

Wissenswertes

Das „War wäre wenn“ ist in der Geschichtswissenschaft immer schwierig zu beantworten, und viele Historiker scheuen auch vor solchen Überlegungen zurück, vor allem, wenn es um längerfristige Szenarien geht, bei denen sich die Alternativen immer mehr addieren.

Im Fall des Vierten Kreuzzugs 1204 befand sich das Byzantinische Reich schon davor in einer Krise; der Norden der Balkanhalbinsel (mit Bulgarien und Serbien) hatten sich in den Jahrzehnten seit dem Tod Kaiser Manuels I. 1180 selbstständig gemacht, ebenso die Insel Zypern (die dann 1191 von Richard Löwenherz für die Kreuzfahrer erobert wurde). Auch in anderen Reichsteilen wurde das Wort des Kaisers immer weniger gehört. Allerdings waren 1203/1204 Kerngebiete wie das westliche Kleinasien, die südliche Balkanhalbinsel und Griechenland noch weitgehend unter Kontrolle Konstantinopels, sodass das Byzantinische Reich ohne den Vierten Kreuzzug als Macht mittleren Ranges rund um die Ägäis wohl länger Bestand gehabt haben könnte. Es hätte sich aber auch ohne die Kreuzfahrer anderen großen Herausforderungen an mehreren Fronten gegenübergesehen, wie etwa den neuerstarkten Nachbarn in Serbien und Bulgarien oder dem Sultanat der Seldschuken in Kleinasien. Aus der weiten Ferne kommend trafen in den 1240er Jahren die Invasionen der Mongolen Südosteuropa und Kleinasien und hätten wohl auch ein noch größeres Byzantinisches Reich verheert (während tatsächlich das nach 1204 in Westkleinasien entstandene Exilreich von Nikaia im Gegenzug zu seinen Nachbarn nicht von mongolischen Truppen berührt wurde und davon profitieren konnte – bis hin zur Rückeroberung Konstantinopels 1261). Mit den Mongoleneinfällen steht auch die Migration neuer türkischer Gruppen und die Entstehung neuer Fürstentümer wie jenes der Osmanen in Verbindung; ob diese in gleicher Weise auf Kosten der Byzantiner in Westkleinasien und dann später in Südosteuropa hätten expandieren können, wäre dann von der Verfassung eines Byzantinischen Reiches, das 1204 nicht erlebt hatte, am Ende des 13. Jh.s abgehangen – und die ist nach einem Jahrhundert alternativen Geschichtsverlaufs wiederum kaum realistisch abzuschätzen (insbesondere, da auch andere Akteure an den politischen Schalthebeln gesessen hätten als es nach 1204 der Fall war). Auf jeden Fall wäre ein solches Szenario interessant für einen „Alternativwelt-Roman“; der Historiker tut sich dagegen schwer damit.

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