Ab wann begann die Spaltung im Glauben - ab wann sprach man von zwei Konfessionen?

Walter Doringer

Alltag

Die Entfremdung von westlicher und östlicher Kirche begann unter Kaiser Justinian I. (reg. 527–565) und war unter anderem eine Folge der divergierenden kirchenpolitischen Interessen auf der Balkanhalbinsel. Schließlich unterstellte der byzantinische Kaiser Leon III. (reg. 717–741) Illyrien und Teile Süditaliens (Kalabrien, Sizilien) dem Patriarchat von Konstantinopel. Allerdings fielen die italienischen Diözesen durch politische und kirchliche Entwicklungen und aufgrund der räumlichen Entfernung im 11. Jahrhundert wieder an Rom. Durch den Aufstieg Konstantinopels zur neuen Hauptstadt des Imperium Romanum nahm dessen Erzbischof einen immer bedeutenderen Platz in der Oikoumene ein. Heute kennen wir den Erzbischof von Konstantinopel unter dem Titel „Erzbischof des Neuen Roms Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch“. Dieser Titel hat sich in mehreren Etappen entwickelt: Ab dem Jahr 448 begegnet uns die Bezeichnung „Erzbischof des Neuen Roms Konstantinopel“. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts taucht in zeitgenössischen schriftlichen Quellen schließlich der Titel „Erzbischof des Neuen Roms Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch“ auf. Die Bezeichnung „Ökumenischer Patriarch“ wurde im 9. Jahrhundert unter dem berühmten Patriarchen Photios von Konstantinopel (im Amt 858–867, 878–886) zum offiziellen Bestandteil der Titulatur. In die Amtszeit des Patriarchen Michael Kerullarios von Konstantinopel (1043–1058) fiel der 16. Juli 1054 – jener Tag, an dem ein Gesandter Papst Leos IX. (im Amt 1049–1054) namens Humbert von Silva Candida nach anhaltenden Unstimmigkeiten zwischen Rom und Konstantinopel eine päpstliche Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel niederlegte. Die Kirchenspaltung (Schisma) innerhalb der kirchlichen Oikoumene vollzog sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte. Ihre Ursachen sind vielfältig. In der Forschung werden meist folgende Streitpunkte als Hauptgründe für den Bruch genannt: die Azymenfrage (die Verwendung von ungesäuertem bzw. gesäuertem Brot in der Kommunion), der Primat (die kirchliche Vorrangstellung innerhalb der Pentarchie), das Filioque (der Ausgang des Heiligen Geistes) und der Zölibat (die Ehelosigkeit der Priester). Die Vorgänge des Jahres 1054 stellten keine Zäsur in den Beziehungen zwischen Konstantinopel und Rom dar. Vielmehr handelte es sich um ein Ereignis in einer längeren Phase des Auseinanderdriftens, das sich nach 1054 stufenweise verstärkte. Die Eroberung Konstantinopels im Verlauf des Vierten Kreuzzugs 1204 sowie die Etablierung des lateinischen Kaiserreiches und des lateinischen Patriarchates von Konstantinopel haben zu einer tiefgreifenden Entfremdung beigetragen. Dennoch gab es – nicht zuletzt bedingt durch die rasante Expansion der Osmanen in Europa ab 1354 – vor allem vonseiten der byzantinischen Kaiserdynastie der Palaiologen starke Bestrebungen, in Unionsverhandlungen mit dem Papst in Rom und den lateinischen Mächten Mittel- und Westeuropas zu treten.

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