Der Osten war dem Westen in allen Bereichen weit überlegen! Wann begann die Umkehrentwicklung und was waren die Ursachen?? Der Islam und/oder die Industrialisierung??

Uschi

Geschichte

Zuerst müsste man einmal klären, was mit „Osten“ und „Westen“ gemeint ist. Die gängige Polarisierung zwischen dem „Westen“ als Westeuropa samt den von dort stark beeinflussten bzw. besiedelten Gebieten (vor allem den USA) und dem „Osten“, der ursprünglich vor allem den Nahen Osten, dann aber teilweise den gesamten „Rest“ der Welt umfasst, ist ein Produkt des 18. und 19. Jh.s. Das sich als „aufgeklärt“ und „fortschrittlich“ verstehende Westeuropa schuf sich vor allem mit dem angeblich „rückständigen“ und „stagnierenden“ Orient ein Gegenbild, dem all das beigefügt wurde, was man selbst nicht (mehr) sein wollte. In diesen Diskurs des „Orientalismus“ wurde bald auch Byzanz als vermeintlich rückständige und dekadente Kultur einbezogen.

Daneben müsste man ebenso klären, woran „Überlegenheit“ festzumachen ist. Geht es rein um den materiellen Lebensstandard und wirtschaftlichen Output, dann konnten sich die Staaten Westeuropa (zuerst vor allem Großbritannien) erst mit der Industrialisierung ab dem späten 18. Jh. deutlich von anderen Weltregionen (wie etwa den großen und mächtigen Reichen Chinas und Indiens) absetzen. Die Gründe, warum es nicht auch in besonders dicht besiedelten und relativ reichen Gebieten Chinas oder Indiens schon davor zu einer „Industriellen Revolution“ kam, sind nach wie vor heftig umstritten (die Debatte um die sogenannte „Great Divergence“).

Von einer „kulturellen Überlegenheit“ kann man dagegen überhaupt nicht pauschal sprechen. Fokussiert man enger auf Westeuropa und den östlichen Mittelmeerraum (Byzanz und die islamische Welt), so war letzterer in Teilbereichen (Medizin, Technik, Alphabetisierung) in der Tat über weite Strecken des Mittelalters „fortschrittlicher“ als der lateinische Westen. Zu den großen Metropolen wie Konstantinopel, Bagdad oder Kairo fand sich im christlichen Westeuropa nichts vergleichbares, und gerade das arabische Weltreich wurde nach der islamischen Expansion zu einem Zentrum der weltweiten Handelsnetzwerke. An diesen Netzwerken partizipierten die Städte Westeuropas wie Venedig oder Genua nur am Rande, erkämpften sich aber insbesondere ab dem 11. Jh. in der Zeit der Kreuzzüge eine immer stärkere Position im östlichen Mittelmeerraum, nicht zuletzt auch mit Waffengewalt (ein Höhepunkt die Eroberung Konstantinopels 1204). Für ihre Rüstungs- und Waffentechnik wiederum wurden die Kreuzritter schon im 11. Jh. von Byzantinern und Muslimen auch bewundert. Fränkische Schwerter waren sogar schon im 9. Jahrhundert ein Exportschlager zwischen Skandinavien und dem Mittelmeerraum.

Der „Aufstieg Westeuropas“ hat also einiges mit Gewalt zu tun, sowohl gegenüber Nachbarregionen und ab dem 15. Jh. in „Übersee“ in Amerika, Afrika oder Asien als auch innerhalb zwischen den entstehenden Nationalstaaten, deren ständige Konkurrenz auch Innovationen (etwa in der Waffentechnik und Seefahrt) begünstigte. Das entscheidende Übergewicht über die traditionellen Großreiche im „Osten“, also das Osmanische Reich, Persien, das Mogulreich in Indien oder China gewannen die westeuropäischen Kolonialmächte aber eben erst im 19. Jh. Nachdem nur einige dieser Regionen eine islamische Mehrheitsbevölkerung haben, taugt auch der Islam nicht als ursächlicher Faktor für die relative „Unterentwicklung“. Auch muss man festhalten, dass sich dieses vielleicht 200jährige Fenster der „Überlegenheit“ des Westens gerade wieder schließt und andere Weltregionen (insbesondere in Asien) wie in den Jahrtausenden zuvor wieder zentralere Positionen im Gefüge der Weltwirtschaft und globalen Macht einnehmen. Vielleicht wird man in 100 Jahren nach den Gründen der relativen Unterentwicklung des „Westens“ fragen…

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