Warum hat die Völkerwanderung das weströmische Reich so viel stärker beeinflusst als das Oströmische?

Melvin Kindl

Geschichte

Schon ab etwa 375 drängten Hunnen und germanische Völker über die Reichsgrenzen. Goten wurden im Oströmischen Reich südlich der Donaugrenze angesiedelt, begehrten aber bald auf und durchstreiften die Balkanhalbinsel. 406 brach die Rheingrenze zusammen. Doch die Eindringlinge plünderten nicht nur die gallischen und hispanischen Provinzen, sondern errichteten eigene Herrschaftsgebiete. Die Vandalen schafften es über Spanien bis ins heutige Tunesien, die Westgoten ließen sich in Spanien und Südfrankreich nieder. Gleichzeitig schwächten Bürgerkriege in den betroffenen Provinzen die Position des Weströmischen Reiches, und selbst Rom wurde mehrfach geplündert. Die in Ravenna regierenden Kaiser waren zumeist nicht mehr als Marionettenherrscher ihrer germanischen Generäle, und so war die Absetzung von 476 nur die letzte Konsequenz einer langen Entwicklung. Das Oströmische Reich überstand die sogenannte Völkerwanderung ungleich besser. Nach dem ersten Schock des Gotenaufstandes (378), bei dem sogar Kaiser Valens (reg. 364–378) in einer Schlacht bei Adrianopel (heute Edirne, Türkei) getötet wurde, und den folgenden Plünderungen der Balkanhalbinsel bekam Konstantinopel die Situation langsam in den Griff. Im Gegensatz zum Weströmischen Reich verfügte man im Osten schließlich über reiche Provinzen, die von den Wanderungsbewegungen fast völlig verschont blieben. Eine direkte Intervention im Westen war zu dieser Zeit dennoch nicht möglich.

Allerdings schickte Kaiser Zenon (reg. 474–491) den Heerführer Theoderich nach Italien, um die Herrschaft Odoakers zu beenden. Theoderich war zwar ostgotischer Abstammung, hatte aber lange als Geisel in Konstantinopel gelebt und im römischen Heer Karriere gemacht. Er sollte als Stellvertreter des Kaisers Italien regieren. Der Coup gelang und Theoderich etablierte ein ostgotisches Königreich mit der Anerkennung Konstantinopels. Das Oströmische Reich, das in seiner mittelalterlichen Ausprägung als „Byzantinisches Reich“ geläufig ist, hielt die Fiktion der römischen Weltherrschaft durch die Integration der germanischen Königreiche aufrecht. Diese konnten zwar weitgehend unabhängig agieren, akzeptierten aber formal die Vorherrschaft des römischen Kaisers in Konstantinopel. Das bedeutet indes nicht, dass man dort die westlichen Provinzen nicht mehr als eigenen Besitz ansah. Konsequenzen hatte diese Ideologie erst, als das Byzantinische Reich infolge von wirtschaftlichen Reformen über die nötigen Ressourcen verfügte, nach langer Zeit wieder militärisch im Westen zu intervenieren. Unter Kaiser Justinian I. (reg. 527–565) war dieser Zeitpunkt gekommen. Sein Vorgänger hatte ihm eine volle Staatskasse hinterlassen, und so wagte er zunächst den Angriff auf die Vandalen in Nordafrika. Der Feldzug war ein durchschlagender Erfolg, und Justinian richtete seinen Blick nun auf das ostgotische Italien. Bald lieferte der Sturz von Theoderichs Tochter Amalasuntha, die gute Beziehungen zu Konstantinopel pflog, den nötigen Einwand für einen Angriff. Diesmal gestaltete sich der Krieg jedoch ungleich aufwendiger und desaströser. Zwar konnten die byzantinischen Armeen die Goten letztendlich 552 vernichtend schlagen, doch hatten die fast 20 Jahre währenden Kämpfe Italien verwüstet und auch die Ressourcen der Byzantiner überstrapaziert. Bereits 568 drangen von Norden her die Langobarden in Italien ein und machten Justinians Rückeroberungen bis auf wenige Territorien (Ravenna und Venetien, Süditalien und Sizilien) wieder zunichte.

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