Was weiß man über das Schulwesen und das Gesundheitswesen im Byzantinischen Reich?

Willibald Schrenk

Alltag

Schulwesen und Unterricht waren grundsätzlich privat, in Form des Einzelunterrichts zu Hause oder in privat finanzierten Schulen. Das Honorar der Lehrer und sonstige Kosten wurden jedenfalls von den Familien der Schüler oder von vermögenden Sponsoren aufgebracht. Die Elementarbildung und das Grundschulwesen waren nicht auf Konstantinopel und andere Großstädte beschränkt, sondern konnten im Prinzip überall angeboten werden, wo eine Kirche oder ein zu einer Kirche / zu einem Kloster gehörender Raum als Schulgebäude zur Verfügung stand. Die Lehrer waren ausreichend gebildete Laien, Kleriker oder Mönche. Die Heiligenviten berichten über Gruppen- wie auch über Einzelunterricht, wobei keineswegs alle Eltern ihren Kindern einen Schulunterricht bieten konnten oder wollten. Mädchen wurden – wenn überhaupt – fast ausnahmslos zu Hause, in einzelnen Fällen auch in einem Nonnenkloster unterrichtet. Auf der Grundlage geläufiger biblischer Texte lernten die Kinder ab dem sechsten Lebensjahr Lesen und Schreiben, einfache grammatikalische Regeln und wohl auch etwas Arithmetik. Reiche Familien engagierten einen oder mehrere Hauslehrer, deren Unterricht über die genannten Grundlagen hinaus auch Elemente der höheren Bildung vermitteln konnte.

In Konstantinopel und anderen Städten gab es höhere Privatschulen, die mit ihrer „klassischen“ Ausbildung auf den Kenntnissen aufbauten, die die Schüler zuvor in den Elementarschulen erworben hatten. Sie waren meist im Zentrum der Stadt, in Nachbarschaft zueinander gelegen und wurden jeweils von einem maistor (Schulmeister) geleitet. Die maistores standen oft in Konkurrenz zueinander und versuchten Schüler ihrer Konkurrenten abzuwerben. Sie waren auf das Schulgeld der Schüler bzw. ihrer Familien angewiesen, erhielten aber auch finanzielle Unterstützung von vermögenden Persönlichkeiten, darunter auch Bischöfe, in manchen Fällen auch vom Patriarch. Bei manchen Schulmeistern konnten die Schüler auch wohnen, während die in Konstantinopel ansässigen täglich zum Unterricht kamen. Die Konkurrenzsituation führte manchmal zu Spannungen, Streit und heftigen Polemiken zwischen den Schulmeistern.

Über die Heilkunst der Byzantiner sind wir durch verschiedene Quellen unterrichtet. Zahlreiche Berichte von Wunderheilungen in den hagiographischen Quellen bezeugen, dass göttliche Hilfe von Heiligen oder an Pilgerstätten effektiver (und für viele sicher auch besser bezahlbar) war als die medizinische Kunst. Andere Quellen berichten von Ärzten, Pflanzenheilkunde (Dioskorides in einer Wiener Prachthandschrift des 6. Jhs.), chirurgischen Eingriffen (besonders bei Kriegsverletzungen) und Hebammentätigkeit (einer der wenigen Berufszweige für Frauen). Durch schwere körperliche Arbeit verursachte Arbeitsunfälle waren häufig. Athanasios, der Gründer der Megiste Laura auf dem Berg Athos, kam ums Leben, als ein Baugerüst über ihm zusammenbrach.
Wie viele Aspekte der literarischen Kultur der Byzantiner basierte auch die Schulmedizin auf klassischen Vorbildern. Hippokrates und Galen wurden auch in Byzanz gelesen und in Handschriften kopiert. Neu verfasste Traktate waren u.a. ein Buch zur Pferdeheilkunde (Hippiatrica), und ein Lehrgedicht zur Uroskopie (diagnostische Harnbeschauung). Massgeblich für die byzantinische Medizin und auch von arabischen Autoren rezipiert ist das Kompendium der Heilkunde in sieben Büchern, das Paul von Ägina im 7. Jh., z.T. aufgrund früherer Texte, verfasst hat.
Manche Klöster widmeten sich der Krankenpflege. Besonders bekannt ist das Pantokrator-Kloster in Konstantinopel, das von Kaiser Johannes II Komnenos (1118-1143) mit einem grossen Krankenhaus ausgestattet wurde. Dort gab es 60 Betten, aufgeteilt in fünf Abteilungen, eine davon nur für Frauen, mit weiblichem Personal. Zum Stab der 10 Ärzte gehörte auch eine Ärztin. Zusätzlich gab es einen Apotheker mit drei Assistenten. Zum Pantokrator-Komplex gehörte sicher, wie auch in anderen Klosterbibliotheken, ein Grundbestand an Manuskripten mit medizinischen Texten.
Die Aneignung medizinischer Kenntnisse diente nicht nur der praktischen Anwendung, sondern galten als Ausdruck höchster Bildung. Die Literaten der gehobenen Aristokratie, u.a. Michael Psellos (1018-1078) und Anna Komnena (1083-1153), tragen in ihren Schriften stolz ihre medizinischen Kenntnisse zur Schau.

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