Welcher Historiker hat nach Gibbon erstmals ein positives Bild von Byzanz gezeichnet und wieso habe ich dennoch und trotz seiner Bedeutung für Europa in meiner (deutschen) Schule nichts über Byzanz gelernt?

Amateur

Wissenswertes

Die Beschäftigung mit Byzanz begann zwar bereits in der Renaissance mit Gelehrten wie Hieronymus Wolf (1516–1580) und erlebte eine frühe Blüte im absolutistischen Frankreich Ludwigs XIV. (reg. 1643–1715), der die Nachfolge der lateinischen Kaiser Konstantinopels für sich beanspruchte und sich für das Zeremoniell der spätrömischen Kaiser interessierte. Ausgerechnet in der Aufklärung ging das Interesse an Byzanz aber wieder verloren. Das Oströmische Reich galt Intellektuellen als Paradebeispiel eines korrupten Staates, in dem Religion und Politik allzu sehr miteinander verwoben waren. Maßgeblich war vor allem Edward Gibbons Monumentalwerk „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ (1776–1789), das Byzanz als 1000-jährige epigonenhafte Verfallserscheinung des einstmalsgroßen Römischen Reiches charakterisierte. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Byzanz war damit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts blockiert. Byzantinische Texte wurden ob ihrer mangelnden sprachlichen Reinheit gemieden, und archäologische Grabungen vernichteten auf der Suche nach der glorreichen Antike unzählige mittelalterliche Siedlungsspuren. Erst 1897 wurde in München der erste Lehrstuhl für mittelalterliche und moderne griechische Sprache und Literatur eingerichtet. Es war Karl Krumbachers große Leistung im Bereich der Klassischen Philologie und Alten Geschichte wieder deinen Forschungsfokus auf Byzanz zu richten, wodurch er die wissenschaftliche Disziplin der "Byzantinistik" etablieren konnte.

Mittlerweile sind auch einige Studien erschienen, die sich mit der Frage Byzanz in deutschsprachigen Schulbüchern und Lehrplänen auseinandersetzen. Besonders zu empfehlen ist der Artikel von Johannes Preiser-Kapeller und Philpp Dörler mit dem Titel "Justinian und die Osmanen. Byzanz im österreichischen Schulbuch von 1771 bis in die Gegenwart", erschienen im Buch "Byzanzrezeption in Europa: Spurensuche über das MIttelalter und die Renaissance bis in die Gegenwart", herausgegeben von Foteini Kolovou, 2012.

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden