Eine militärhistorische bzw. militärtechnische Frage: Die Stadtmauern von Byzanz galten das gesamte Mittelalter über, also tausend Jahre, als die mächtigsten bzw. uneinnehmbarsten von ganz (?) Europa. [...]

Johann

Geschichte

[...] Erst im 15.Jahrhundert kamen dann "Mega-Kanonen" auf bzw. zum Einsatz. Den Osmanen gelang es erst nach monatelangen Vorbereitungen und nach mehrmonatigem Beschuss - nur durch Einsatz dieser mauerbrechenden Waffen - die Stadt zu erobern. Wie war es 1204 daher einigen (wenigen?) tausend Kreuzrittern mit (relativ) bescheidenen Waffen möglich, die Mauern "über Nacht" zu überrennen? Zwist und Demoralisierung der Verteidiger, also kriegspsychologische Gründe? Verrat? Intrigen? Hemmung, gegen "Glaubensbrüder" zu kämpfen....?

Vereinzelt wurden bei Zusammenstößen während des Zweiten und des Dritten Kreuzzuges sogar Forderungen nach einem Angriff auf Konstantinopel laut, doch konnte man die Konflikte stets beilegen. Dass es 1204 schlussendlich tatsächlich zur Eroberung Konstantinopels durch Kreuzfahrer kommen sollte, die eine venezianische Flotte gechartert hatten, war sowohl eine Konsequenz aus der zunehmenden Verschlechterung des politischen Klimas als auch eine Folge der Verkettung vieler für Byzanz ungünstiger Umstände und unglücklicher Entscheidungen.

Zunächst ist festzuhalten, dass sich das Byzantinische Reich seit dem Tod von Kaiser Manuel I. Komnenos im Jahre 1180 in einer innenpolitischen Dauerkrise befand. Der minderjährige Thronfolger und seine Regentschaft wurden 1182 von Manuels Cousin Andronikos I. beseitigt, der wiederum bereits 1185 von Isaakios II. Angelos (reg. 1185–1195) gestürzt und hingerichtet wurde. Isaakios fiel 1195 einem Putsch durch seinen eigenen Bruder Alexios III. (reg. 1195–1203) zum Opfer, wurde geblendet und in ein Kloster verbannt. Dem nicht genug, waren dem Reich in diesem Chaos etliche Territorien verloren gegangen: Serben und Bulgaren schüttelten die byzantinische Oberhoheit ab, und mehrere Aufständische und Thronprätendenten herrschten unabhängig über Gebiete in Kleinasien. Die Wehrkraft des Reiches war geschwächt wie selten zuvor: 1185 plünderte ein Normannenheer aus Süditalien Thessalonike praktisch ohne Gegenwehr; über eine konkurrenzfähige Flotte verfügte Byzanz, wie gesagt, ohnehin schon seit Langem nicht mehr. Auch im Heiligen Land überschlugen sich die Ereignisse. Die Muslime konnten unter Sultan Saladin die Kreuzfahrer vernichtend schlagen und 1187 Jerusalem zurückerobern. Der daraufhin ausgerufene Kreuzzug brachte trotz enormen Aufwands nicht den gewünschten Erfolg, und so rief Papst Innozenz III. 1198 zum Vierten Kreuzzug auf. Das Projekt stieß auf enormen Widerhall, vor allem unter den französischen Rittern.

Der Angriff sollte sich gegen Ägypten wenden, und so beschloss man, in Venedig eine Flotte für 30.000 Mann zu chartern. Die Venezianer willigten ein und lieferten zum gewünschten Zeitpunkt (29. Juni 1202) die nötigen Schiffe samt Ausrüstung. Allerdings hatten viele Kreuzfahrer inzwischen doch andere Wege ins Heilige Land gewählt, und so fand sich nur ein Bruchteil der kalkulierten Passagiere zum Abfahrtstermin ein. Obwohl die Anführer des Kreuzzuges mit ihrem eigenen Vermögen einsprangen und noch vor Ort Kredite aufnahmen, konnte man die vertraglich festgesetzte Summe nicht bezahlen. Die Venezianer erklärten sich zu einer Stundung bereit, wenn die Kreuzfahrer ihnen helfen würden, die Stadt Zadar in Dalmatien anzugreifen, die sich kurz zuvor von der venezianischen Oberhoheit gelöst und dem ungarischen Königreich unterstellt hatte. Trotz großer Bedenken von vielen Seiten und Drohungen des Papstes stimmten die meisten Kreuzfahrer dem Angriff auf die christliche Stadt zu. Zadar wurde geplündert, doch noch waren die Schulden bei den Venezianern nicht getilgt.

Da ergab sich eine unerwartete Chance. Alexios Angelos, Sohn des abgesetzten Isaakios II. Angelos, stieß zum Kreuzzug und bot ein Geschäft an: Wenn die Kreuzfahrer es vollbrächten, seinen Vater zu befreien und zurück auf den Thron zu bringen, würde er den Kreuzzug mit den Reichtümern Konstantinopels und eigenen Truppen unterstützen. Einige Ritter hatten die Befürchtung, dass man das Ziel des Kreuzzuges aus den Augen verlieren würde, und fuhren direkt ins Heilige Land. Die Mehrheit aber folgte der Argumentation, dass sich die Chancen auf einen erfolgreichen Kreuzzug mit den zusätzlichen byzantinischen Geldmitteln drastisch erhöhen würden. So machte sich die Flotte auf den Weg nach Konstantinopel und die Kreuzfahrer schlossen die Stadt ein. Nach mehreren Scharmützeln, bei denen die Lateiner siegreich blieben, floh Kaiser Alexios III. heimlich aus der Stadt. Der geblendete

Isaakios wurde gemeinsam mit seinem Sohn Alexios IV. als Kaiser eingesetzt. Doch Alexios IV. konnte seine Versprechungen nicht einlösen und fand mit seinen Zugeständnissen an die Lateiner keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung. Im Jänner 1204 fiel Alexios einem Komplott zum Opfer und wurde von Alexios V. Murtzuphlos gestürzt, der die Versprechungen an die Kreuzfahrer für nichtig erklärte. Diese waren jedoch nicht bereit, mit leeren Händen abzuziehen.

Venezianer und Kreuzfahrer beschlossen den Sturm auf Konstantinopel, und so fiel die byzantinische Hauptstadt am 12. April 1204 zum ersten Mal seit ihrer feierlichen Einweihung im Jahre 330 in die Hände von Nicht-Römern. Die Kreuzfahrer plünderten die Stadt mehrere Tage lang, und im Lauf der Kämpfe ausgebrochene Brände zerstörten weite Gebiete. Als neuer – lateinischer – Kaiser wurde Balduin I. von Flandern (reg. 1204–1205) gewählt, als neuer – lateinischer – Patriarch der Venezianer Thomas Morrosini eingesetzt.

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