Warum war es im Westen nicht möglich, Seide herzustellen bzw. zu erwerben? Gab es keinen eigenen Handel mit Asien?

Renate

Handel

Seidenstoffe wurden, sei es auf Grundlage eigener Zucht, sei es aus importierter Rohware, im 5. Jh. schon weit über China hinaus in Korea, Japan, Zentralasien, Persien und auch in Indien sowie in Byzanz hergestellt. Neben Rohware und Techniken tauschte man auch diese Endprodukte samt den dafür verwendeten Motiven zwischen all diesen Regionen aus. Dennoch muss angemerkt werden, dass China bei weitem der größte Seidenproduzent blieb. Denn hier war die Seidenkultur Teil der dörflichen Landwirtschaft. Seit dem 3. Jh. dienten Seidenstoffe oftmals auch als Zahlungsmittel für Abgaben und Löhne und stellten zeitweilig sogar Münzgeld in den Schatten.

Die Seidenproduktion hatte also ihren Ursprung in Asien. Spätestens ab dem 6. Jh. dürfte die Seidenproduktion auch im Byzantinischen Reich geläufig gewesen sein. Allerdings wissen wir nicht genau wie die Etablierung der Maulbeer- und Seidenkultur vonstatten ging. In der Antike waren Weiße und Schwarze Maulbeeren im Mittelmeerraum nicht heimisch, diese mussten nämlich erst kultiviert werden, um die Seidenraupen zu züchten, die sich davon ernährten. Das erklärt auch die Entstehung des Seidenhandels. Über die Jahrhunderte war es den Byzantinern jedenfalls gelungen, die Seidenproduktion zu perfektionieren. Daher war im Westen die byzantinische Seide, von deren aufwendiger Herstellung man im Westen bis ins Spätmittelalter keine Kenntnis hatte, heiß begehrt. Typisch für den Umgang mit byzantinischen Seidenstoffe im Westen war, dass sie entweder zur Herstellung von liturgischen Gewändern verwendet oder aber zerteilt und zum Umhüllen von Reliquien benutzt wurden. Die einzigartigen materiellen und optischen Qualitäten von Seidengewändern machten sie in den Augen westlicher Eliten zu einem höchst begehrten Gut, durch das man sich von seinesgleichen abheben konnte. Die bisweilen geäußerte Kritik westlicher Autoren, die sich über das Tragen „griechischer“ Kleider empörten, scheinen wenig Widerhall gefunden zu haben.

Die Mehrzahl heute noch existenter byzantinischer Seiden hat sich in den Schatzkammern westlicher Kirchen erhalten, da sie ihre Träger sogar bis in den Tod begleiteten und nicht selten selbst den Status von Heiligtümern erlangten – so etwa die Gewänder von Papst Clemens II. in Bamberg. 
In Konstantinopel legte man zudem großen Wert darauf, schon die Herstellung, vor allem aber den Export von Rohseiden und fertigen Textilien zu reglementieren. Mit Purpur gefärbte Seiden waren dem byzantinischen Kaiser und dem Hof vorbehalten, aber auch andere hochwertige Seiden durften nicht auf dem freien Markt gehandelt werden.

Buchtipp: Johannes Preiser-Kapeller: Jenseits von Rom und Karl dem Großen. Aspekte der globalen Verlfechtung in der langen Spätantike, 300 - 800 n. Chr. Wien: Mandelbaum, 2018.

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