Byzanz wurde im Jahre 1453 vom Osmanischen Reich erobert. Im selben Jahr endete der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich. Das Ende bildete laut meinem Geschichtsbuch die Eroberung der Stadt Bordeaux durch die Franzosen. [...]

Ernst Wiesner

Geschichte

[...] Meine Frage daher: Besteht nicht vielleicht ein Zusammenhang des Endes dieses Krieges mit der Eroberung von Byzanz? Wenn die Engländer und Franzosen, zwei christliche Länder, sehen bzw. hören, dass ein anderes christliches Land, nämlich Byzanz, von den "Ungläubigen" erobert wird oder zumindest knapp vor der Eroberung steht, gab das nicht den Anstoß, die Fehde zwischen England und Frankreich zu beenden, um nicht den Westen angesichts der drohenden Gefahr durch die Osmanen noch mehr zu schwächen?

Tatsächlich versuchten seit dem späten 13. Jh. vor allem die Päpste immer wieder, unter Verweis auf die drückende Lage der christlichen Staaten im östlichen Mittelmeerraum, Frieden unter den Herrschern Westeuropas (die ja auch über Frankreich und England hinaus ständig im Krieg miteinander lagen) zu stiften, um dann ein gemeinsames neues Kreuzzugsunternehmen zu starten. Nachdem mit der Eroberung Akkons 1291 durch die Mamluken aus Ägypten der letzte Festlandsbesitz der Kreuzfahrerstaaten in der Levante verloren gegangen war, sollte ein solcher Feldzug noch verbliebenen christlichen Staaten wie etwa dem armenischen Königreich in Kilikien (heute Südostküste der Türkei, das aber 1375 auch von den Mamluken erobert wurde) zu Gute kommen. Mit der steigenden Macht der Osmanen und anderer türkischer Emirate im Ägäis-Raum seit den 1320er Jahren gelangten dann die dort nach dem Vierten Kreuzzug 1204 errichteten „lateinischen“ Staaten und auch das Byzantinische Reich in den Fokus solcher Planungen. Mit Byzanz bestand allerdings immer das Problem der Kirchenspaltung zwischen Westkirche und Orthodoxie, die erst 1439 auf dem Konzil von Ferrara-Florenz zumindest formell behoben wurde (große Teile der Bevölkerung in Konstantinopel lehnten die Union jedoch ab). Der folgende Kreuzzug von Varna (im heutigen Bulgarien) 1444 unter der Führung des Königs von Polen und Ungarn Władysław III. endete aber in einer Niederlage gegen die Osmanen, und weitere wesentliche Hilfe für Byzanz blieb aus. Neben den unmittelbaren „Anrainern“ an das expandierende Osmanenreich wie etwa Ungarn beteiligten sich auch Fürsten Westeuropas an solchen Kreuzzugsplänen (wie etwa der Herzog von Burgund); besonders viele Adelige aus Frankreich nahmen während einer „Pause“ des Hundertjährigen Kriegs 1396 an einem Feldzug des ungarischen Königs Sigismund gegen die Osmanen teil, der aber ebenfalls mit einer Niederlage bei Nikopolis im heutigen Bulgarien geendet hatte.
Ansonsten blieben aber die Vermittlungsversuche des Papstes unter den kriegsführenden Staaten Westeuropas in vielen Fällen wirkungslos. Auch die Nachricht von der Belagerung Konstantinopels durch den osmanischen Sultan Mehmed II., die am 2. April 1453 begann, und von der Eroberung der Stadt am 29. Mai dieses Jahres veranlassten England und Frankreich nicht zum Friedensschluss. Im Gegenteil kam es nochmals zu einer größeren englischen Offensive, die aber mit der Niederlage bei Castillon am 17. Juli 1453 in Südwestfrankreich scheiterte. Die schlechte militärische Lage der Engländer wurden durch innenpolitische Streitigkeiten verschärft (die letztlich in die folgenden Rosenkriege münden sollten), während der englische König Heinrich VI. (reg. 1422 bis 1461 und von 1470 bis 1471) durch seine psychische Erkrankung mehr oder weniger handlungsunfähig wurde. Am 13. Oktober 1453 erlitt Heinrich VI. einen Zusammenbruch, am 19. Oktober fiel Bordeaux an die Franzosen. Die Engländer verloren alle Festlandsterritorien bis auf Calais, das bis 1559 englisch blieb.
Das Zusammenspiel der englischen Niederlagen auf dem Schlachtfeld und der inneren Krise Englands führten also 1453 zum Ende des Hundertjährigen Kriegs, nicht jedoch die Nachricht vom Fall Konstantinopels. 

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