Welche Rolle spielten die Athos-Mönche in der Auseinandersetzung zwischen Byzanz und dem Westen, insbesondere in und nach dem 4. Kreuzzug?

Dietrich Scherff

Geschichte

Seit der Gründung der ersten Großklöster (beginnend mit der Megisti Lavra 963) erlebte der Berg Athos ein großes Wachstum, sodass es am Vorabend des Vierten Kreuzzugs schon eine Vielzahl von Klöstern und Gemeinschaften gab, die mit umfangreichem Grundbesitz weit über die Grenzen des Heiligen Bergs hinaus ausgestattet worden waren. Dieser Reichtum lockte auch die Kreuzfahrer an, die nach der Eroberung Konstantinopels im April 1204 versuchten, möglichst viel von den Territorien des Byzantinischen Reiches unter sich aufzuteilen. Mehrfach wurden die Klöster des Athos geplündert. Auch ein vom Legaten des Papstes Innozenz III. für den Athos eingesetzter „lateinischer“ Bischof nutzte seine Stellung vor allem dazu, sich auf Kosten der orthodoxen Mönche zu bereichern und errichtete zu diesem Zweck sogar eine Burg nahe des Hafenorts Uranupolis. Angesichts dieser Zwangslage wandten sich die Athos-Klöster 1214 in einem Brief an Innozenz III. in Rom; dieser bestätigte zwar in feierlichen Worten die früheren Privilegien der Klöster, an der unsicheren Lage vor Ort änderte sich allerdings nicht.
Jedoch geriet der Athos schon vor der byzantinischen Rückeroberung Konstantinopels 1261 ab den 1220er Jahren in den Einflussbereich von griechischen und dann bulgarischen und somit orthodoxen Herrschern. Nach 1261 war der Athos Teil des wiederhergestellten Byzantinischen Reiches, und die Klöster konnten ihre Vorrechte und auch ihren Grundbesitz weiter ausbauen. Allerdings hatten auch sie ab dem früheren 14. Jh. unter der immer instabileren Lage des Reiches zu leiden; um 1306 wurde der Athos etwa durch die ursprünglich vom byzantinischen Kaiser als Söldner angeheuerte Katalanische Kompanie verwüstet. In den 1320er und den 1340er-1350er Jahren erschütterten Bürgerkriege das Reich. Letzterer Konflikt vermengte sich auch mit der theologischen Debatte über die sich auf dem Athos einbürgernde Gebets- und Meditationspraxis des Hesychasmus, zu dessen wichtigstem Vertreter der Athos-Mönch Gregorios Palamas wurde (deshalb auch „Palamismus“). Der Sieg der „Palamisten“ in dieser Debatte markierte den vorherrschenden Einfluss mönchischer, hesychastischer und auch vornehmlich gegen eine Verständigung mit der Westkirche eingestellter Kreise in der byzantinischen Kirche. Entgegengesetzte Stimmen auf dem Athos wie etwa der Mönch Prochoros Kydones (gest. 1369, Bruder des berühmten Politikers und Gelehrten Demetrios Kydones) wurden zum Schweigen verurteilt.
Umso schwieriger wurde nun jeder Versuch, eine Einigung mit dem Papsttum zu erlangen (wie etwa auf dem Konzil von Ferrara-Florenz 1438/1439), die von den byzantinischen Kaisern nicht zuletzt auch unternommen wurden, um Hilfe aus Westeuropa gegen die wachsende Macht der Osmanen zu erlangen. Die Klöster auf dem Athos mussten sich allerdings schon vor der Eroberung Konstantinopels 1453 mit neuen Herrschern arrangieren, zuerst mit den Serben und dann schon nach 1371 auch mit den Osmanen, unter deren Kontrolle der Athos bis 1913 blieb. Bis heute gibt es Gemeinschaften auf dem Athos, die sich gegen ökumenische Gespräche mit der römisch-katholischen Kirche wenden, wie etwa die Mönche des Klosters Esphigmenu, die u. a. deshalb auch die Oberhoheit des Patriarchen von Konstantinopel nicht mehr anerkennen wollten.


Literaturhinweis: Andreas E. Müller, Berg Athos: Geschichte einer Mönchsrepublik. München 2005.

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