Welche Sprachen beherrschte Karl der Große?

Friedrich H. Plank

Wissenswertes

Der fränkische Gelehrte Einhard (geb. um 770 – gest. 14.03.840) verfasste die Vita Kaoli Magni, die Biographie Karls des Großen. Dieser entnehmen wir folgende Passage: „Karl… beherrschte nicht nur seine Muttersprache, sondern erlernte auch fleißig Fremdsprachen. Latein verstand und sprach er wie seine eigene Sprache. Griechisch konnte er allerdings besser verstehen als sprechen.“ Als Belege für Karls Kenntnis des Lateinischen kann zum einen die Nachricht dienen, dass an seinem Tisch unter anderem Augustinus (354 – 430) „Gottesstaats“ vorgelesen wurde; eine Übersetzung in die Volkssprache gab es nicht, und es ist nicht recht vorstellbar, dass Karl die Lesung nur als Hintergrundgeräusch hingenommen haben sollte. Zum anderen besitzen wir als Beleg für Karls entwickelte Lateinkenntnisse die Randnotizen in einer Handschrift einer theologischen Streitschrift gegen die Beschlüsse des Konzils von Nicaea 787, in denen die Ausführungen des Verfassers immer wieder mit Bemerkungen wie „richtig!“, „rechtgläubig!“, „gut argumentiert!“ oder ähnlich kommentiert werden. Es scheint überzeugend, dass diese Ausrufe als Kommentare des Frankenkönigs Karl gedeutet werden, der damit seine Zufriedenheit mit dem ihm vorgelesenen Text ausdrückte, den er offenbar sehr gut verstanden hat. Über Karls Griechischkenntnisse besitzen wir keine weiteren Informationen; vielleicht wurde Einhard durch seine Vorlage – die Vita des Kaisers Titus (79 – 81 v. Chr.) des römischen Autors Sueton – dazu angeregt, auch für seinen Helden Kenntnisse des Griechischen zu behaupten. Nicht eigens erwähnt wird, dass Karl auch das Romanische seiner westfränkischen Untertanen verstanden und wohl auch gesprochen haben muss. Für den Ostfranken Einhard dürfte des ganz selbstverständlich gewesen sein, denn sonst hätte Karl nicht Reichsversammlungen leiten und Heere anführen können, deren Teilnehmer zu großen Teilen romanische Dialekte sprachen. Auf den Reichsversammlungen wurden anscheinend Rechtstexte aus dem Lateinischen in die Volkssprache übersetzt; wie wir aus einer Nachricht zum Jahr 802 wissen, in der von solchen Übersetzungen die Rede ist. Diese Übersetzungen waren wohl deshalb nötig, weil viele der Teilnehmer nicht mehrsprachig waren, nicht aber, weil der Herrscher den Verhandlungen aus Unkenntnis der wichtigsten Sprachen seines Reiches sonst nicht hätte folgen können.

Quelle: Martina & Wilfried Hartmann: Die 101 wichtigsten Fragen. Karl der Große. München: C.H. Beck, 2014, S. 100.

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