Wie beeinflußt der geschichtliche Konflikt zwischen Byzanz und dem Westen bis heute die Kommunikation zwischen den aktuellen Ländern?

Irena

Geschichte

Eine tatsächliche Kontinuität der Konflikte zwischen Byzanz und dem „Westen“ ist die bis heute andauernde Spaltung zwischen der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen. Zwar gibt es seit den 1960er Jahren intensive Bemühungen um die Ökumene, doch stoßen diese bis heute auf Widerstand, nicht zuletzt etwa in der russisch-orthodoxen Kirche, die auch darin den Ehrenvorrang des Patriarchats von Konstantinopel herausfordert.
Aus den religiösen Unterschieden zwischen den Ländern, in denen die westlichen Kirchen (Katholizismus und Protestantismus) bzw. die Orthodoxie vorherrschen, wollten und wollen verschiedene Stimmen auch eine kulturell-mentalitätsgeschichtliche Trennlinie quer durch Europa konstruieren. Dabei spielte auch ein seit dem 18. Jh. in der westeuropäischen Historiographie etabliertes Zerrbild von Byzanz als dekadenter, autokratischer, von Intrigen und übermäßigem Pomp gekennzeichneter Kultur („Byzantinismus“) eine Rolle, das manchmal noch beschworen wird. Der US-amerikanische Politologe Samuel Huntington zog in den 1990er Jahren – auch unter dem Eindruck der Kriege im zerfallenden Jugoslawien zwischen „orthodoxen“ Serben, „katholischen“ Kroaten und „muslimischen“ Bosniern – in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ die Grenzen Europas (und der europäischen Integration) dort, wo Orthodoxie und Islam beginnen, worin ihm auch manche Politiker in Westeuropa und in Österreich folgen wollten. Spätestens mit dem Beitritt der „orthodoxen“ Länder Rumänien und Bulgarien zu EU und NATO scheint diese vermeintliche Trennlinie (zumindest gegenüber der Orthodoxie, anders sieht es bezüglich des Islam aus) in der öffentlichen Debatte in Westeuropa weitgehend passé.
Doch wird sie durchaus auch von ihrer östlichen Seite beschworen, etwa in nationalistisch-orthodoxen Kreisen in Russland, die den „Westen“ als moralisch verdorben (Stichwort z. B. Songcontest und Conchita Wurst) und als Gefahr für das Seelenheil der orthodox-slawischen Christenheit, die sich um Russland scharen sollte, sehen. In diesen Gruppen wird der Untergang des Byzantinischen Reiches damit begründet, dass es sich zu sehr für religiöse und wirtschaftliche Einflüsse aus Westeuropa öffnete und das „Erbe“ der orthodoxen Väter verriet (so die Interpretation etwa in der von kirchlichen Kreisen in Russland produzierten und auch auf Englisch übersetzten Dokumentation „The Fall of an Empire – the Lesson of Byzantium“: https://www.youtube.com/watch?v=f1CWG-2GLU4).
Ein „heißes“ Thema ist schließlich auch der Umgang mit dem materiellen byzantinisch-orthodoxen Erbe aus dem Mittelalter, insbesondere den Kirchen- und Klosterbauten. Mittelalterliche serbische Klöster wurden z. B. im Kosovo das Ziel der Zerstörung durch albanisch-nationalistische Kreise. In der Türkei wiederum versuchen nationalistisch-muslimische Kreise die Umwandlung von nun als Museen deklarierten byzantinischen Kirchenbauten, darunter auch der Hagia Sophia in Istanbul, in Moscheen (so wie sie nach der osmanischen Eroberung bis in die Zeit Atatürks genutzt wurden) durchzusetzen.
Dass aber sogar in der burgenländischen Ortschaft St. Andrä am Zicksee der Neubau eines orthodoxen Klosters im Jahr 2017 erst nach längeren heftigen Debatten unter den Einwohnern umgesetzt werden konnte (vgl. https://www.bvz.at/neusiedl/knalleffekt-in-st-andrae-kloster-bau-startet-im-neuen-jahr-orthodoxes-kloster-klosterbau-70722510#), erscheint vor diesem Hintergrund fast kurios.
Insgesamt können also Aspekte der historischen Konflikte zwischen Byzanz und dem Westen bis heute verschiedene Gemüter erregen und in der Instrumentalisierung für aktuelle Debatten eine Rolle spielen.

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