Welche Rolle spielt der heutige Libanon im Byzantinischen Reich?

Carina

Wissenswertes

Das Gebiet des heutigen Libanons wurde um 63 v. Chr. als Teil der Großprovinz Syria in das Imperium Romanum eingegliedert. Mit den Reformen der Kaiser Diokletian und Konstantin wurde um 300 n. Chr. aus den Städten des Libanon und nördlich angrenzenden Küstenregionen die kleinere Provinz Phoenice, die den Namen der antiken Phönizier wiedererweckte, gebildet. Insbesondere die traditionsreichen Häfen von Tyros, Sidon, Berytos (Beirut) und Tripolis waren nach wie vor wichtige Knotenpunkte in den Netzwerken des Seehandels im römischen Mittelmeerraum. Berytos beherbergte spätestens seit dem späten 2. Jh. n. Chr. auch eine berühmte Schule für das römische Recht, die u. a. durch das Wirken der beiden Gelehrten Papinian und Ulpinian reichsweite Bedeutung erlangte. Auch Kaiser Justinian I. erklärte im Jahr 530 Berytos (neben Konstantinopel und Rom) zu einer der drei im ganzen Reich anerkannten Lehrstätten des Rechts. Allerdings wurde die Schule so wie die ganze Stadt um 551 durch ein Erdbeben schwer beschädigt, was ihren Niedergang einleitete.
Auch sonst erlebten die östlichen Provinzen des oströmischen Reiches im späteren 6. und im früheren 7. Jh. eine Krisenzeit, die vor allem durch die sogenannte Justinianische Pest und mehrere verheerende Kriege mit den persischen Sasaniden, deren Truppen um 614 auch in den Libanon vorstießen, markiert wurden. Die Schwächung der römischen Herrschaft erleichterte die Expansion der durch den Islam geeinten arabischen Stämme, die nach 636 auch die Städte des Libanon eroberten. Doch auch nach der arabischen Eroberung bestanden insbesondere über die Seewege weiter Kontakte ins Byzantinische Reich; auch manche Pilger aus Byzanz auf dem Weg ins Heilige Land nutzten die Häfen des Libanon. In die Gegenrichtung floh um das Jahr 759 ein gewisser Bundar als Anführer eines gescheiterten Aufstands gegen die arabische Herrschaft in Heliupolis (Baalbek im Landesinneren des Libanon) nach Konstantinopel. Aus Heliupolis stammte auch der Heilige Elias „der Jüngere“, der im Jahr 779 wegen seines vermeintlichen Abfalls vom Islam zurück zum Christentum hingerichtet und danach auch im ganzen Byzantinischen Reich als Märtyrer verehrt wurde.
Im 9. und 10. Jh. wurde der libanesische Hafen Tripolis zu einem der Ausgangspunkte regelmäßiger Plünderungszüge an die Küsten des byzantinischen Reiches. Insbesondere der Flottenkommandant Leon von Tripolis, ein aus dem byzantinischen Attaleia (Antalya) in Kleinasien stammender Konvertit zum Islam, erreichte einigen Ruhm, vor allem durch die spektakuläre Eroberung Thessalonikes, der zweitgrößten Stadt des byzantinischen Reiches, im Jahr 904. In der zweiten Hälfte des 10. Jh.s konnte Byzanz wieder in die Offensive übergehen und 969 die wichtige Stadt Antiochia in Nordsyrien erobern; danach stieß insbesondere Kaiser Johannes I. Tzimiskes 974/975 durch den Libanon bis in den Norden des Heiligen Landes vor. Zu dauerhaften Eroberungen kam es in diesen Gebieten allerdings nicht, da sich von Ägypten her mit den Fatimiden eine neue muslimische Großmacht in der Region etablierte.
Mit den Fatimiden konnten die byzantinischen Kaiser eine Art modus vivendi aushandeln, der den Frieden einigermaßen sicherte. Dieser Zustand endete aber ab den 1060er Jahren, als von Osten her die Seldschuken in den Raum vorstießen. Syrien und der Libanon waren von politischer Fragmentierung geprägt, die auch den ab 1097 in die Region einfallenden Kreuzfahrern aus Westeuropa die Eroberung erleichterte. Unter den Kreuzfahrerstaaten entstand im Libanon auch die Grafschaft Tripolis, die bis zur Eroberung durch die ägyptischen Mamluken 1289 Bestand hatte. In diesen Jahrhunderten hatten die byzantinischen Kaiser keinerlei politischen Einfluss mehr im libanesischen Raum, unterhielten aber diplomatische Kontakte zu den jeweiligen Herrschern über die Region wie etwa die Mamlukensultane in Kairo. Noch intensivere Beziehungen gab es auf kirchlicher Ebene, bestanden doch auch verschiedene „melkitische“ christliche Gemeinden, die in Glaubensgemeinschaft mit Konstantinopel standen, weiter. Metropolit Arsenios von Tyros etwa hielt sich in den 1340er bis 1360er Jahren häufig in Konstantinopel auf, wurde dort aber in die Konflikte um die Theologie des Gregorios Palamas verwickelt und sorgte für einige Unruhe.
In einem Imperium fanden sich Konstantinopel und der Libanon dann nach der jeweiligen Eroberung durch die Osmanen (1453 bzw. 1516) wieder.
 
Literaturhinweis: Linda Jones Hall, Roman Berytus. Beirut in Late Antiquity. London 2004, 408 S.

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