Wie ist Byzanz mit der Migration bei der Völkerwanderung umgegangen? Was waren Gründe, dass Byzanz diese Zeit relativ gut überstanden hat, das Weströmische Reich aber daran gescheitert ist? [...]

Mag. Roland Bachleitner

Wissenswertes

[...] Lassen sich daraus Schlüsse für den Umgang mit der Migration im heutigen heutigen Europa ableiten?

Der Beginn der sogenannten „Völkerwanderung“ traf im Jahr 376 insbesondere die Osthälfte des Imperium Romanum, als Teile der Westgoten aus Furcht vor den Hunnen, die 375 in die Gebiete nördlich des Schwarzen Meers vorgedrungen waren, darum ersuchten, die Reichsgrenze an der unteren Donau überschreiten zu dürfen. Nachdem die Westgoten seit Jahrzehnten Verbündete der Römer und auch zum Teil schon Christen waren, wurde ihnen die Übersiedlung auf Reichsboden gestattet. Allerdings erwiesen sich die Verwaltungsbeamten vor Ort, auch aufgrund von Korruption und Inkompetenz, als unfähig, eine ausreichende Versorgung der Neuankömmlinge zu gewährleisten. Daraus entstand ein bewaffneter Konflikt zwischen Westgoten und römischer Staatsmacht, der 378 in der Schlacht bei Adrianopel (heute Edirne) gipfelte, bei der die Truppen der oströmischen Reichshälfte besiegt wurden und auch Kaiser Valens fiel. Vor allem aufgrund des Versagens des römischen Staates, der zuvor Herausforderungen der Ansiedlung von Gruppen jenseits der Reichsgrenzen ähnlichen Ausmaßes durchaus gemeistert hatte, mündete diese erste Fluchtbewegung in eine Katastrophe. In den folgenden Jahren entglitt dem oströmischen Reich auch die Kontrolle über die Provinzen im Inneren der Balkanhalbinsel, bis sich die Westgoten auf den Weg in Richtung Westen nach Italien machten.
Es war dann vor allem die westliche Reichshälfte (seit 395 herrschten dauerhaft zwei Kaiser im Imperium Romanum, einer im Westen in Italien und einer im Osten in Konstantinopel), die von weiteren Wanderungsbewegungen betroffen wurde (wiewohl auch die Balkanprovinzen bis in die 480er Jahre immer wieder davon berührt wurden). Der Begriff der „Völkerwanderung“ ist in diesem Zusammenhang allerdings missverständlich, wie einer der führenden Experten zu diesem Thema, der Wiener Frühmittelalterforscher Walter Pohl, darlegt: „Gewandert ist nicht ein Volk (…), sondern verschiedene Gruppen, die sich nach mehrfachen Brüchen wieder neu bildeten und dabei an (ethnische) Traditionen anknüpften. (…) Die Kämpfe um die Macht im Imperium erforderten große Zusammenschlüsse, deren Erfolg ihren ethnischen Zusammenhalt verstärkte.“ Identitäten und Zusammensetzung dieser „Völker“ waren also fließend und flexibel und erlaubten die Aufnahme neuer Gruppen in ihre Reihen. Dieses Angebot war durchaus auch für römische Bürger attraktiv; so berichtet der oströmische Gesandten Priskus aus Anlaß einer Mission zum Hunnenkönig Attila über die Begegnung mit einem ehemaligen Römer, der sich der hunnischen Elite angeschlossen hatte und die Belastungen des römischen Staates mit der relativen Freiheit der Hunnen verglich.
Das Weströmische Reich befand sich schon vor der „Völkerwanderung“ in einer Krise und hatte eine Reihe von Bürgerkriegen erlebt; schon dabei hatten angeworbene Soldaten germanischer Herkunft eine wichtige Rolle gespielt, und die neu hinzugekommenen Gruppen traten nun neben andere im Kampf um die Macht über Territorien und Ressourcen. Mehr und mehr verlor das weströmische Kaisertum die Kontrolle über einzelne Provinzen. Als besonders dramatisch erwies sich der Verlust Nordafrikas an Verbände der Vandalen und anderer Gruppen ab 429, waren doch von dort noch wesentliche Steuereinnahmen und auch die Getreideversorgung für die Stadt Rom geflossen. Letztlich war die Macht der kaiserlichen Regierung nur mehr auf Italien beschränkt, und auch dort setzte im Jahr 476 der germanisch-stämmige General Odoaker den letzten Kaiser Romulus Augustulus ab. Er erkannte aber in der Folge zumindest nominell die Oberhoheit des verbliebenen römischen Kaisers in Konstantinopel an.
Das römische Reich im Osten profitierte gegenüber dem Westen von der relativ geschützten Lage seiner reichsten Provinzen in Ägypten und Syrien (an dessen Grenze zu den persischen Sasaniden im 5. Jh. auch relativer Frieden herrschte), der Stärke der Befestigungen der neuen Hauptstadt Konstantinopel und der dadurch gegebenen Möglichkeiten, wesentliche Ressourcenströme des imperialen Systems aufrecht zu erhalten. Damit konnten eine geordnete Verwaltung und auch die Kontrolle über die Provinzen aufrechterhalten werden; ebenso gelang es auf dieser Grundlage, auch auf oströmischen Boden eintreffende germanische Gruppen (nach den ersten verunglückten Erfahrungen mit den Westgoten, s.o.) besser zu integrieren bzw. ihre Fähigkeiten (etwa im Militär) für die Zwecke des Reiches nutzbar zu machen.
Wenn man Schlüsse aus diesen unterschiedlichen Entwicklungen im Westen und Osten des Imperium Romanum ziehen möchte, dann am ehesten jenen, dass nicht die „Völkerwanderung“ per se den Untergang eines Teils des römischen Reiches herbeiführte, sondern das wachsende Unvermögen des römischen Staates, das imperiale Versprechen von Sicherheit und Wohlstand aufrecht zu erhalten und die entsprechenden administrativen und militärischen Herausforderungen zu bewältigen. Daraus resultierte z. T. eine Entfremdung verschiedener Reichsteile, wo dann Eliten eine Übereinkunft mit den neuangekommenen Gruppen suchten, und die Erosion der Kontrolle der Reichszentrale. Eine (west)römische Macht, die (wie etwa in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr.) noch über eine größere Kohäsion und Integrationskraft verfügte, hätte vermutlich auch die Herausforderungen der „Völkerwanderung“ anders meistern können – wie eben auch das direkte Vergleichsbeispiel des oströmischen/byzantinischen Reiches zeigt. Letzteres erlebte dann allerdings auch seine existentielle Krise im 7. Jh. (angesichts einer Bündelung von Angriffen von außen, Klimaveränderung und Seuchen), überstand jedoch (wenn auch territorial wesentlich geschrumpft) auch diese.
 
Literaturhinweis: Walter Pohl, Die Völkerwanderung: Eroberung und Integration. 2. Auflage, Stuttgart 2005 (eine aktualisierte Neuauflage erscheint Ende 2018).
 

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