Wie ist zu erklären, dass die österreichischen Stifte Zwettl und Seitenstätten wichtige Manuskripte zum Thema Byzanz besitzen? Wie funktionierte die Kommunikation im 12. Jhd.?

Dr. Anneliese Pleyer

Wissenswertes

Das gesteigerte Interesse der Klöster im mittelalterlichen Österreich am Byzantinischen Reich im 12. Jh. hängt sicher mit der Intensivierung der Kontakte zwischen Mitteleuropa und dem östlichen Mittelmeerraum durch die Kreuzzüge zusammen, insbesondere aber auch mit der Eheverbindung, die 1148 zwischen dem Babenberger-Herzog Heinrich II. („Jasomirgott“) und der byzantinischen Prinzessin Theodora Komnene, einer Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel I. Komnenos, geschlossen wurde.

Als wichtigste Referenztexte zu Byzanz galten in Westeuropa seit dem 10. Jahrhundert die Berichte des Bischofs Liutprand von Cremona, der zuerst als Gesandter des italienischen Königs Berengar 949/950 und dann des deutsch-römischen Kaisers Otto I. im Jahr 968 nach Konstantinopel gereist war. Diese Texte lieferten viele wertvolle Informationen über die damaligen Entwicklungen und Gepflogenheiten am byzantinischen Hof; da aber seine zweite Gesandtschaft 968 ein großer Misserfolg war, ist der zweite Text Liutprands auch voller gehässiger Urteile und böswilliger Beschreibungen insbesondere über den damaligen Kaiser Nikephoros II. Phokas, die in der Folge auch ein negatives Byzanz-Bild mit bestimmten. Dennoch wurden diese Texte nun auch im österreichischen Raum in den Klöstern kopiert; wertvolle Abschriften aus dem 12. Jh. besitzen etwa das Stift Zwettl (Schallaburg-Katalog Nr. 28) und das Stift Klosterneuburg (Codex Nr. 741), sodass Österreich zu einem der wichtigsten Zentren der Rezeption der Liutprand-Texte im Hochmittelalter wurde.

Das gesteigerte Interesse in Stift Zwettl, wo man nach 1166 auch ein griechisch-lateinisches Glossar erstellte (Schallaburg-Katalog Nr. 16), war ebenso mit direkten Beziehungen nach Byzanz verbunden. Zwischen 1166 und 1179 war der berühmte Gelehrte Petrus Magister, der sich mehrfach in Zwettl aufhielt und 1183 auch dort verstarb, in Briefkontakt mit dem französischen Theologen Hugo Etherianus, der in Konstantinopel als Berater des Kaisers Manuel I. Komnenos, also des Onkels der nach Österreich verheirateten Prinzessin Theodora, diente. Diese Briefkontakte waren aufgrund der Entfernung und der damaligen Verkehrsbedingungen sicher unregelmäßig und von langen Wartezeiten begleitet. Da ja kein geregeltes Postwesen bestand, musste man immer warten, bis sich eine Reisegesellschaft oder Gesandtschaft in die gewünschte Richtung aufmachte und sich bereit erklärte, ein Schreiben mitzunehmen.

Eigene Gesandte konnten nur die Herrscher und hochgestellte adelige und kirchliche Herren entbieten; in besonders wichtiger Angelegenheit machten sie sich auch selbst auf den Weg. So besuchte Prinzessin Theodora im Jahr 1150 noch einmal ihre Mutter Eirene in Konstantinopel. Und im Jahr 1166 reisten sie und ihr Mann Herzog Heinrich II. erneut ins Byzantinische Reich, um zwischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Kaiser Manuel I. Komnenos zu vermitteln; letzteren trafen sie aber diesmal nicht in Konstantinopel, sondern in Sofia in Bulgarien, wo er sich auf einem Feldzug befand. Auch diese Ereignisse wurden sowohl in byzantinisch-griechischen Quellen, aber auch in den Annalen der Klöster Österreichs, die ebenso als wichtigste Speicher der zeitgenössischen Geschehnisse dienten, aufgezeichnet. Als „Mitbringsel“ von diesen Reisen und Pilgerfahrten gelangten auch Objekte aus Byzanz und dem „Orient“, darunter hochgeschätzte Reliquien, in österreichische Klöster – so etwa ein Fragment des Heiligen Kreuzes, das der Babenberger-Herzog Leopold V. 1182 aus Jerusalem mitbrachte und 1188 an das Stift Heiligenkreuz übergab.

Internethinweis: https://www.oeaw.ac.at/byzanz/byzanz-im-kontext/byzanz-und-der-donauraum/ostarrichi-und-byzanz/ (Forschungsbereich der Abteilung Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu „Ostarrichi und Byzanz“ mit weiteren Literaturhinweisen)

 

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