Gab es Einflüsse aus China und Indien auf Byzantium, die dann den Weg in den Westen fanden?

Marie Tess Mauricio

Wissenswertes

Während es zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. vereinzelte Belege für die Präsenz von Händlern und Gesandten aus dem römischen Reich in China gibt, ist die Quellenlage für die späteren byzantinischen Jahrhunderte weniger eindeutig, sodass direkte (diplomatische) Kontakte zwischen Byzanz und dem Fernen Osten zweifelhaft bleiben. Objekte gelangten aber aus China (z. B. Seide) bis in den byzantinischen Raum bzw. umgekehrt (z. B. byzantinischen Münzen oder Glas). Auch einzelne Kaufleute mögen fast die gesamte Distanz zwischen dem Fernen Osten und dem Mittelmeer zurückgelegt haben, so fanden sich in einem Gräberfeld im nordwestlichen Kaukasus Aufzeichnungen eines chinesischen Händlers aus dem 8. Jahrhundert. Wohl über China gelangten spätrömische und byzantinische Objekte, wie etwa Glasgefäße, ins koreanische Königreich von Silla (wo man sie bei Ausgrabungen fand) und von Korea auch weiter nach Japan, wo sie bis heute im Shōsō-in-Schatzhaus (8. Jh.) des berühmten Tōdai-ji-Tempels in Nara aufbewahrt werden. Direkte diplomatische Kontakte zwischen Konstantinopel und diesen Ländern sind aber ebenso unwahrscheinlich. Arabische Kaufleute und Gesandte gelangten, vor allem auf dem Seeweg, hingegen ab dem 8. Jh. in größerer Zahl nach Ostasien, und arabische Quellen erwähnen im 9. Jh. auch „al-Sila“ als Reich auf der koreanischen Halbinsel.
Zudem war der Einfluss des persisch/iranischen Kulturraums in der Tat während der gesamten Dauer des Byzantinischen Reiches beachtlich und kann deshalb hier nur kurz in Grundzügen angeschnitten werden. Das ab dem Jahr 224 n. Chr. von der Dynastie der Sasaniden beherrschte Persische Großreich war (wie schon zuvor unter der Dynastie der Parther) das einzige Nachbarreich, das das Römische bzw. Byzantinische Reich als mehr oder weniger gleichrangige Großmacht anerkannte, dem man auf Augenhöhe begegnen musste. Dies äußerte sich zwar immer wieder in heftigen Kriegen um die Vormachtstellung im Nahen Osten, die insbesondere im 3.-4. und im 6.-7. Jh. n. Chr. tobten, aber auch in wechselseitiger kulturellere Beeinflussung, etwa im Hofzeremoniell und in der bildenden Kunst. So sind iranische Einflüsse auch in Kirchenbauten in Konstantinopel identifiziert worden; im Gegenzug riefen z. B. sasanidische Großkönige auch griechische Philosophen aus Byzanz an ihren Hof. Als hervorragende Lektüre zu dieser Epoche sei das Buch „The Two Eyes of the Earth. Art and Ritual of Kingship between Rome and Sasanian Iran” von Matthew Canepa (aus dem Jahr 2010) empfohlen.
Auch nach der arabischen Eroberung des Iran im 7. Jh. blieb das persische Kulturerbe wirkmächtig, und zwar sowohl bei den Kalifen im islamischen Weltreich (insbesondere unter der Dynastie der Abbasiden, die 762 Bagdad unweit der alten sasanidischen Hauptstadt Ktesiphon als neue Residenz begründeten), als auch im Byzantinischen Reich. So ließ sich Kaiser Theophilos (reg. 829-842) einen Palast im islamisch-persischen Stil in Bryas nahe bei Konstantinopel errichten, auch, um eine Gruppe von Überläufern aus dem iranischen Raum zu beeindrucken, die in der Folge als „Perser“ in die byzantinische Armee eingegliedert wurden. Für die makedonische Kaiserdynastie, die Byzanz zwischen 867 und 1056 beherrschte, wurden in den byzantinischen Quellen neben einer Abkunft von Alexander dem Großen auch eine solche von der Dynastie der Arsakiden, die den Iran und Armenien beherrscht hatten, behauptet. Ein Wissensfeld, in dem den Persern besonders hohe Meisterschaft zugeschrieben wurde, waren die Astrologie und die Astronomie, sodass auch noch im 14. Jh. byzantinische Gelehrte in den Iran reisten, um dort entsprechende Kenntnisse zu erwerben und Texte aus dem Persischen ins Griechische zu übersetzen. Die hohe Stellung des römisch/byzantinischen Reiches in der iranischen Tradition zeigt sich wiederum im klassischen Epos Schāhnāme aus dem 11. Jh., in dem die Welt als ursprünglich aus den drei Reichen Iran, Turan (Zentralasien) und Rum (= Rom/Byzanz) bestehend beschrieben wird.
Kurz gesagt waren Byzanz und die iranische Welt füreinander im gesamten Mittelalter wechselseitig zentrale Quellen der Herausforderung und der Inspiration. Viele dieser Themen wurden im Jahr 2012 schon bei der letzten Byzanz-Ausstellung auf der Schallaburg („Das Goldene Byzanz und der Orient“) vorgestellt, sodass dieser Aspekt diesmal in der Ausstellung leider kaum zur Sprache kommen kann.

 

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