Wie lange gab es das Kiewer Reich und wo verliefen seine Grenzen? War das nicht eher religionsgebunden (Kiewer Rus) und kein Reich?

Elisabeth

Geschichte

Das sogenannte Reich von Kiev entstand um das Jahr 862 mit der Festsetzung skandinavischer Waräger oder „Rus“ (die genau Herkunft dieses Namens ist bis heute umstritten) aus der Familie des Rurik, die schon zuvor in Novgorod im Norden des heutigen Russland eine Herrschaft begründet hatten, in der Stadt Kiev, die davor unter Oberhoheit der Chasaren, die die Steppen nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meers dominierten, gestanden hatte. So wie Novgorod und andere Siedlungen an den großen osteuropäischen Flussnetzen wurde Kiev zu einem Handelszentrum, von dem aus die Fürsten auch die umliegenden slawischen Gruppen unter ihre Oberhoheit brachten, wobei der Grad der Kontrolle – auch je nach Entfernung vom Reichszentrum – schwankte und von tatsächlicher Herrschaft über Tributpflicht bis zu eher nur nomineller Anerkennung reichte. Genaue Grenzen des Reiches von Kiev können daher in dieser Zeit nur schwer gezogen werden, dies gilt aber auch für viele andere vormoderne Staatsgebilde.

Mit einem siegreichen Feldzug gegen die Chasaren in den Jahren 963 bis 965, der Fürst Svatoslav von Kiev (sein Name zeigt auch die „Slawisierung“ der Fürstenfamilie der Rurikiden an) bis an die Wolgamündung führte, errang das Kiever Reich die Vorherrschaft in dem weiten Raum von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Im Jahr 988 nahm Fürst Vladimir von Kiev nach Verhandlungen mit dem byzantinischen Kaiser Basileios II., dessen Schwester Anna die Frau des russischen Fürsten wurde, die Taufe aus Konstantinopel an, was die Christianisierung des Reiches der Rus einleitete. Kiev wurde zum Sitz eines orthodoxen Metropoliten von „ganz Rosia“, wie es in byzantinischen Dokumenten und auf Amtssiegeln dieser Bischöfe heißt, und das Reich von Kiev gleichzeitig zu einer kirchlichen Verwaltungseinheit innerhalb des Patriarchats von Konstantinopel. Diese kirchliche Einheit blieb allerdings länger aufrecht als die staatliche, den zuerst nach dem Tod des Großfürsten Jaroslaw 1054 und dann endgültig nach der Regierung des Großfürsten Vladimir Monomach (1113-1125) zerfiel das Reich von Kiev in verschiedene (bis zu 12) kleinere Fürstentümer verschiedener Mitglieder der Rurikidenfamilie, über die der Großfürst mit Sitz in Kiev und später auch in Vladimir im Norden des Gebiets der Rus eine nur mehr nominelle Oberhoheit ausübte.

In diesem Zustand politischer Fragmentierung trafen auch die Vorstöße der Mongolen die Gebiete der Rus ab 1223; 1237-1240 unterwarfen die Mongolen alle Fürstentümer der Rurikiden mit Ausnahme von Novgorod im Norden und von Halytsch (Galizien) im Westen. Die Fürsten der Rus mussten nun dem Khan des mongolischen Teilreiches der Goldenen Horde Tribut und Heerfolge leisten; um diese Verpflichtungen zu überwachen, ernannte der Khan einen aus den Reihen der Rurikiden zum Großfürsten und befeuerte damit die ständige Konkurrenz unter den russischen Fürsten. Die kirchliche Einheit der orthodoxen Metropolis erkannten aber auch die Mongolen ein. Jedoch versuchten die konkurrierenden russischen Fürsten jetzt auch den Metropoliten an sich zu binden, um einen Vorteil im Wettstreit mit ihren Nachbarn zu gewinnen. Am erfolgreichsten erwiesen sich in diesem politischen Spiel die Fürsten aus dem ursprünglich wenig bedeutenden Sitz von Moskau; 1311 konnten sie auch erstmals den Metropoliten von Kiev dazu überreden, seine Residenz nach Moskau zu verlegen. Als der Einfluss Moskaus auf das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in „Rosia“ immer stärker wurde,  verlangten andere konkurrierende Fürsten beim Patriarchat in Konstantinopel die Einsetzung eigener Metropoliten für ihre Machtgebiete. Noch komplexer wurde die Lage mit dem Aufstieg des bis 1386 noch heidnischen Fürstentums der Litauer, die ebenfalls in Richtung Kiev expandierten. Um diese Zeit konnten allerdings die Großfürsten von Moskau erste Erfolge gegen die Mongolen erringen und sich allmählich aus ihrer Oberhoheit lösen, während sie gleichzeitig begannen, die anderen Fürstentümer der Rus in ihr Herrschaftsgebiet einzugliedern. Diese Prozess kulminierte dann vorerst mit der Unterwerfung von Novgorod unter Moskau im Jahr 1478; um diese Zeit begannen die Moskauer Großfürsten auch den Titel eines Zaren zu beanspruchen, um ihren imperialen Rang nach der „Sammlung der russischen Länder“ zu verdeutlichen. Schon 1448 hatte man sich auch aus der kirchlichen Oberhoheit Konstantinopels gelöst; der Errichtung eines eigenen Patriarchats von Moskau stimmte das Patriarchat von Konstantinopel (seit 1453 unter osmanischer Herrschaft lebend) allerdings erst 1590 zu.

Literaturhinweis: J. Preiser-Kapeller, Das Patriarchat von Konstantinopel und die russischen Kirchen vom 13. bis zum 15. Jh. Ein Überblick zur Kirchenpolitik auf der Grundlage des Patriarchatsregisters. Historicum 2008, S. 71-77, online: https://www.academia.edu/514447/Das_Patriarchat_von_Konstantinopel_und_die_russischen_Kirchen_vom_13._bis_zum_15._Jh._Ein_%C3%9Cberblick_zur_Kirchenpolitik_auf_der_Grundlage_des_Patriarchatsregisters_The_Patriarchate_of_Constantinople_and_the_Russian_Churches_from_the_13th_to_the_15th_Century._An_Overview_on_Church_Politics_on_the_Basis_of_the_Register_of_the_Patriarchate_of_Constantinople_

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