Von wem wurde (wird) der jeweilige Patriarch bestimmt (gewählt), wie lange dauert seine Funktionsperiode, wie kann er seines Amtes enthoben werden?

Reindl Heinz

Alltag

Im Laufe der byzantinischen Zeit bürgerte es sich ein, dass die Versammlung (synodos endemusa) der in Konstantinopel anwesenden Metropoliten und Erzbischöfe des patriarchalen Sprengels (v. a. die Gebiete in Kleinasien und des südliche Balkans) bei Vakanz des Patriarchen-Throns einen Dreiervorschlag geeigneter Kandidaten erstellten. Dieser Dreiervorschlag wurde dann dem Kaiser vorgelegt, der einen der drei Kandidaten erwählen, aber auch die gesamte Liste zurückweisen und neue Vorschläge einfordern konnte. Der designierte Kandidat musste dann ein Glaubensbekenntnis als Beleg seiner Rechtgläubigkeit ablegen und wurde danach im Beisein des Kaisers und der Bischöfe in der Hagia Sophia geweiht, wobei die unmittelbare Weihehandlung dem Metropoliten von Herakleia in Thrakien (zu dessen Kirchenprovinz Konstantinopel vor seiner Erhebung zum Patriarchat gehört hatte) oblag. Die Wahl zum Ökumenischen Patriarchen (der offizielle Titel lautet „Erzbischof von Konstantinopel, des Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch“) erfolgte und erfolgt theoretisch auf Lebenszeit.

De facto gelang es den Kaisern immer wieder, ihnen genehme Kandidaten auf den Patriarchen-Thron zu setzen, auch wenn diese vielleicht formell nicht alle Bedingungen für dieses Amt (etwa das vorgeschriebene Mindestalter von 30 bzw. eine besondere Kenntnis der kirchlichen Lehre und höherer Bildungsstand) erfüllten. Bei Konflikten, etwa zu Zeiten theologischer oder kirchenpolitischer Auseinandersetzungen (wie während des Bilderstreits im 8.-9. Jh. oder der Debatte um die Union mit der Westkirche im 13. Jh.-15. Jh.) konnten die Kaiser ebenso oft den Rücktritt eines widerspenstigen Patriarchen oder dessen Absetzung durch eine Mehrheit der dazu befugten synodos endemusa erreichen. Andererseits mussten aber auch manche Patriarchen trotz der kaiserlichen Unterstützung zurücktreten, wenn sie in Konflikt mit den führenden Vertretern der Kirche (v. a. den Metropoliten und Erzbischöfen der synodos endemusa) geraten waren, so etwa im Fall des Patriarchen Athanasios I., der sich nach einer ersten Amtszeit (1289-1293) zeitweilig und nach einer zweiten Amtszeit (1303-1309) dauerhaft zurückzog. Bezeichnenderweise erlebte die byzantinische Kirche die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453 ohne Patriarch, nachdem der für eine Union mit der Westkirche eintretende Amtsinhaber Gregorios III. Melissenos 1451 aufgrund des großen Widerstands gegen seine Politik nach Rom geflüchtet war. Danach agierten die Unionsgegner in der Synode als oberstes Verwaltungsorgan der Kirche; nach der Eroberung im Mai 1453 setzte Sultan Mehmed II. einen aus diesem Kreis, Gennadios II. Scholarios, als ersten Patriarchen unter osmanischer Herrschaft ein. Auch die folgenden Patriarchen benötigten nun immer die Bestätigung durch den Sultan, der damit quasi an die Stelle des byzantinischen Kaisers trat.

Nach der Entstehung der türkischen Republik wurde das Patriarchat von Konstantinopel 1925 als religiöse Institution der auf türkischem Territorium lebenden griechischen Minderheit staatlicherseits anerkannt; Kandidaten für den Patriarchenthron müssen seitdem dieser Minderheit angehören (und somit türkische Staatsbürger sein). Ihre Wahl erfolgt nach wie vor durch die Synode der Bischöfe, bedarf aber der Bestätigung durch den türkischen Staat. Mit dem dramatischen Schwinden der Zahl der griechischen Minderheit in der Türkei und in Istanbul, vor allem nach Übergriffen in den 1940er Jahren und Ausweisungen und Auswanderungen in den 1960er und 1970er Jahren, gestaltet sich die Suche nach geeigneten Kandidaten immer schwieriger. Auch wurde das dem Patriarchat einzig verbliebene Priesterseminar aus der Insel Chalki im Marmarameer (wo auch noch der heutige Patriarch Bartholomaios I., geboren 1940, studiert hatte) 1971 von Staats wegen geschlossen und auch trotz Versprechungen in den letzten Jahren nicht mehr geöffnet, sodass ebenso die Ausbildung eines geeigneten geistlichen Nachwuchses sehr erschwert wird. Die Möglichkeit einer Fortsetzung der mehr als 1600jährigen Tradition des Patriarchats von Konstantinopel wird somit sehr von den weiteren (religions)politischen Entwicklungen in der Türkei abhängen.

Literaturhinweis: Ekaterini Mitsiou – Johannes Preiser-Kapeller, Kirche und Religion, in: Falko Daim (Hrsg.), Byzanz: Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart 2016, S. 553-616.

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