Woher haben wir die Infos und Gegenstände?

Johanna

Ausstellung

Byzantinische Gegenstände gelangten phasenweise geradezu massenhaft in den Westen und prägten dort die Vorstellung von der Pracht des byzantinischen Kaiserhauses. In Konstantinopel gab es unendlich viel zu bewundern, und der Westen hatte ja nach der Demontage der römischen Staatlichkeit großen Aufholbedarf. Der Westen stagnierte, der Osten glänzte. Kunstgegenstände, Schmuck, Seide und Reliquien gelangten von Konstantinopel in die Machtzentren des Westens; bis in das 7. Jahrhundert verzeichnete man in einigen Regionen sogar eine flächendeckende Versorgung mit byzantinischen Waren. Doch im Spätmittelalter wendete sich das Blatt. Die Eroberung Konstantinopels durch die Ritter und Bischöfe des Vierten Kreuzzuges im Jahr 1204 bedeutete einen Bruch in der byzantinischen Geschichte. Zwar hatten schon zuvor die Venezianer, Genuesen und andere italienische Städte Handelsniederlassungen in Byzanz besessen, doch jetzt gründeten die Eroberer kleine und größere Reiche nach westlichem Vorbild.

Das Lehenswesen hielt Einzug, Ritterromane, frühgotische Architektur und Bilder mischten sich mit byzantinischen Traditionen. Zwar konnten die Byzantiner 1261 die Lateiner wieder aus Konstantinopel vertreiben, die Zeit der Supermacht war aber endgültig vorbei. Kunst und Literatur erlebten eine zweite Blüte, doch bald regierte der byzantinische Kaiser nur mehr von osmanischen Gnaden. Informationen werden auch durch Reisende transportiert. Im Römischen Reich spielte die Mobilität eine bedeutende Rolle. Militärische Einheiten wurden oft verlegt. Händlernetzwerke reichten bis Ostasien, weit in den afrikanischen Süden, bis Irland und an die Nordsee. Pilger scheuten nicht die monatelange Reise zu den heiligen Stätten Palästinas, Anatoliens und Ägyptens. Sofern sie nicht am Ziel ihrer Reise blieben, wie es oft genug vorkam, brachten sie Informationen über fremde Länder in die Heimat zurück, dazu Waren aller Art, von Wein und Datteln über feine Textilien und Schmuck bis zu Pilgerandenken. Manche westliche Adelige wechselten in die andere Welt: Im Hochmittelalter galt es als das Größte, in das byzantinische Kaiserhaus einzuheiraten. Theophanu, die Ehefrau Kaiser Ottos II., löste im heutigen Deutschland eine regelrechte Byzanz-Euphorie aus.

Die „1000 vergessenen Jahre“ sind natürlich eine bewusste Übertreibung. Heute wissen wir bereits sehr viel darüber, wie das Byzantinische Reich Europa und den Orient geprägt hat. Dennoch gibt es auch in der Forschung noch viel zu tun, da die wissenschaftliche Beschäftigung mit Byzanz (sowohl philologisch als auch historisch) erst um etwa 1900 einsetzte. Dieser Rückstand auf die westliche Mediävistik wurde in manchen Bereichen bis heute nicht aufgeholt. Was ebenso hinderlich war: Meist aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse hat auch die westliche Mittelalterforschung sehr spät Byzanz als Faktor für die Entwicklung des lateinischen Europa entdeckt. Umgekehrt waren und sind viele Byzantinistinnen und Byzantinisten eher auf den Osten fokussiert. Gerade bei der Erforschung der Beziehungen zwischen dem griechischen Osten und dem lateinischen
Westen ist daher auch in Zukunft noch viel zu tun. Die „vergessenen“ Jahre beziehen sich aber weniger auf den teils noch lückenhaften Zustand der Forschung, sondern auf das Phänomen, dass ein 1000-jähriges europäisches Großreich im Bewusstsein der breiteren Bevölkerung überhaupt nicht präsent ist. Das ist zum Teil der Schulbildung geschuldet: Der Unterricht konzentriert sich (verständlicherweise) nach dem Fall Roms zunehmend auf die Geschichte Mittel- und Westeuropas. Byzanz ist in den meisten Schulbüchern nur einen kurzen Exkurs wert und steht damit auf einer Stufe mit dem alten China, Japan oder Afrika und ähnlichen Exkursen dazu. Auch in breitenwirksamen Medien (Film, Belletristik) ist Byzanz trotz eines großen Marktes für historische Inhalte nicht sehr präsent. In den vergangenen Jahren gab es zumindest mehrere Fernseh-Dokumentationen und eine Reihe von Ausstellungen im deutschen Sprachraum, die allesamt nur das Thema „Byzanz“ an sich, nicht aber explizit die Geschichte der Ost-West-Beziehungen behandelten. 

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden