Warum kamen im Mittelalter die antiken Schriften in arabischen Übersetzungen über Spanien nach Europa und nicht direkt aus Byzanz?

Helmut Zeisel

Wissenswertes

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts begann sich das arabische Kulturgut bei den verschiedenen unterworfenen Völkern durchzusetzen. Die "Klammer" des Islam hielt zunächst die verschiedenen unterworfenen Völker, wie Afrikaner, Perser, Ägypter u. a. zusammen. Mit Hilfe der Religion schufen die Araber gewissermaßen eine neue Kultur. Der Koran durfte nämlich nicht übersetzt werden, weshalb die arabische Sprache und Schrift überall vorherrschend wurden.

In den ehemals byzantinischen Regionen Palästina und Syrien lässt sich eine relative kulturelle Kontinuität verfolgen, zumal die arabischen Eroberer großes Interesse an der griechischen Bildung hatten, weswegen wissenschaftliche Übersetzungsschulen begründet wurden, die die griechichen aber auch lateinischen Texte ins Arabische übersetzten. Tatsächlich datieren einzelne Übersetzungen ins Arabische bereits ins 7. Jh.

Die Offenheit der Araber gegenüber dem geistigen Erbe der verschiedenen Traditionen und Kulturen drückte der Gelehrte al-Kindi (gest. um 870) folgendermaßen aus: "Wir sollen keine Scham empfinden, die Wahrheit anzuerkennen und zu verarbeiten, von welcher Quelle sie auch zu uns kommt, selbst wenn sie zu uns von früheren Geschlechtern und fremden Völkern gebracht wird. Für den, der die Wahrheit sucht, gibt es nichts von höherem Wert als die Wahrheit selbst; niemals erniedrigt oder demütigt sie ihn, der nach ihr sucht, vielmehr erhöht und ehrt sie ihn." (Zitiert nach: T. Al Samman - O. Mazal, Die Arabische Welt und Europa. Ausstellung der Handschriften- und  Inkunabelsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Graz 1988, 33f.)

Durch die die Tätigkeit dieser Schulen wurde eine Unzahl von Werken ins Arabische übertragen. In vielen großen Städten wie in Bagdad (zum Beispiel das Haus der Weisheit "Bayt al-Hikma", im 9. Jh. begründet durch den Kalifen al-Ma'mūn), Damaskus, Kairo, Alexandria, Toledo oder Cordoba entstanden Zentren wissenschaftlicher Forschung. Europa empfing im Laufe des Mittelalters unzählige Impulse aus der arabischen Welt, was für die Entwicklung der neuzeutlichen abendländischen Wissenschaften wie der Medizin, Physik, Mathematik oder auch der Geographie von größter Bedeutung war. Dieser Kulturtransfer erfolgte aber nicht nur über Spanien.

Auch am Beispiel Siziliens ist dieser Kulturtransfer recht gut darstellbar. Bis zum Jahr 827 hatte Sizilien zum Byzantinischen Reich gehört. Im 7. Jh. hatten die Byzantiner Griechisch als Amtssprache eingeführt. Sizilien hatte bis 878 zum Byzantinischen Reich gehört, danach wurde allmählich das Emirat von Sizilien mit der Hauptstadt Palermo begründet, ehe es beginnend mit dem Jahr 1060 unter normannische Herrschaft gelangte.  Das normannische Sizilien blieb dreisprachig, wodurch auch der Kontakt zum Byzantinischen Reich aufrechterhalten wurde. Auf Sizilien wurden Texte zumeist aus dem Lateinischen direkt ins Griechische übersetzt. Manchmal musste man sich aber arabischer Texte bedienen, wenn keine lateinischen Textvorlagen mehr existierten.
Beginnend mit der Reconquista Andalusiens erfolgte die Übersetzungstätigkeit von oftmals jüdischen Gelehrten, die auch lateinische antike Autoren übersetzten. In Toledo errichtete man 1085 die bekannte Übersetzerschule von Toledo in der Kathedralbibliothek, wo vor allem auch Gerhard von Cremona wirkte.
Im 14. Jahrhundert intensivierte sich in Italien das (nie erloschene) Interesse an der Antike und den Texten der Griechen und Römer. Einer der Initiatoren der „Wiederbelebung“ der Antike war Francesco Petrarca (1304-1374) aus Arezzo in der Toskana. Auch sonst wurde diese Region zu einem Zentrum des „Humanismus“, insbesondere mit Florenz, wo sich bereits 1397 der aus Konstantinopel kommende Gelehrte Manuel Chrysoloras niederließ und begann, Griechisch zu unterrichten. Er ist ein Beispiel für jene Gelehrte aus Byzanz, die schon in den Jahrzehnten vor der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 den Weg nach Italien fanden. Die seit dem späteren 14. Jh. prekäre politische und wirtschaftliche Lage des Byzantinischen Reiches angesichts der osmanischen Expansion war zwar sicher ein Faktor, der solche Migrationen mitmotivierte.

Der Fall Konstantinopels 1453 war aber nicht der Auslöser oder gar notwendige Bedingung der Wanderung von Gelehrten und Texten. Wichtiger waren das neuerweckte Interesse im Westen und die Bereitschaft zumindest eines Teils der byzantinischen Intellektuellen, mit ihren Kollegen in Italien zusammenzuarbeiten bzw. ihr Wissen weiterzugeben.


 

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