Welche Motivation hatte Mehmed II. zur Eroberung Konstantinopels? Stimmt es, dass Mehmed II. alle Menschen über sechs Jahren ermorden ließ? Was geschah nach der Eroberung?

Johannes Eugen

Geschichte & Politik

Als Mehmed mit dem Tod seines Vater Murad II. 1451 die Regierungsgeschäfte übernahm, war er gerade einmal 18 Jahre alt. Die zeitgenössischen Chronisten beschreiben ihn gerne als jungen Abenteurer. In seinem Kopf geisterten die Geschichten der großen Eroberer Caesar und Alexander herum. Wie sie wollte auch er als Eroberer in die Annalen eingehen. Man darf sich Mehmed gleichzeitig aber nicht als blutrünstigen Eroberer vorstellen. Er hatte einen äußerst scharfsinnigen Verstand, studierte Texte über Geographie, Geschichte, Kriegsführung aber beschäftigte sich auch mit diversen Sprachen. Laut zeitgenössischen Quellen soll er sowohl Persisch, Arabisch als auch Griechisch und Latein gesprochen haben.

Die Osmanen konnten sich recht rasch auf dem Gebiet des Byzantinischen Reiches etablieren. Es folgten viele Eroberungen, die charakteristisch für das schnelle Wachsen des Osmanischen Imperiums waren und sind: 1326 wurde Bursa erobert und zur neuen Hauptstadt ausgerufen, 1337 folgte die Eroberung Nikomediens, dem heutigen Izmit, und schließlich wurde Adrianopel, die heutige Stadt Edirne, 1361 eingenommen und zur neuen Hauptstadt proklamiert. Das einstige Kerngebiet des Osmanischen Reiches war so groß wie das heutige Belgien, doch durch die zügigen Eroberungen im Laufe der Zeit umfasste das Osmanische Reich bald weite Gebiete des Byzantinischen Reiches, Teile der heutigen Türkei sowie Teile des Balkans. Einzig Konstantinopel trotzte den häufigen Angriffen der Osmanen und lag wie eine uneinnehmbare Insel mitten im „osmanischen Meer“. Konstantinopel hatte natürlich den Ruf einer uneinnehmbaren Festung. Dass Mehmed sich trotzdem die Eroberung der Stadt zum Ziel setzte hat auch mit der Ideologie der Osmanen zu tun:

Seit jeher war Konstantinopel für die Osmanen „der Goldene Apfel“ bzw. „der Rote Apfel“ schlechthin gewesen. Der Goldene Apfel ist ein Mythos in der türkischen Geschichte. Er beschwört den Eroberungswillen des Osmanischen Reiches. Zuerst war Konstantinopel für die Osmanen der Goldene Apfel und später nahmen Städte wie Rom oder Wien diesen Status ein. Es handelte sich also um bedeutende Städte, die es mit Allahs Hilfe zu erobern galt.

Der junge Mehmed durchdachte alles genauestens: Mit dem Königreich Ungarn und mit Venedig vereinbarte er am 20. September 1452 einen Waffenstillstand, um sicherzugehen, dass sein Plan Konstantinopel zu erobern nicht durchkreuzt wurde. Während es durchaus Berater gab, die zu bedenken gaben, dass ein Angriff auf Konstantinopel einen erneuten Kreuzzug zur Folge haben könnte und daher für einen Friedensschluss plädierten, sprachen sich andere für eine Annexion der Stadt aus. Die Osmanen benötigten keinen Kriegsgrund um einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen. Tatsächlich lieferten die Byzantiner selbst mehrere Gründe: Der Kaiser Konstantin XI. Palaiologos schickte byzantinische Gesandte an den Hof des Sultans, die sich aufgrund der vermeintlich ausgebliebenen Unterhaltszahlungen für Prinz Orhan beschwerten, einem Halbbruder und Thronrivalen Mehmeds, der sich in Konstantinopel aufhielt. Sie drohten dem Sultan Prinz Orhan der Stadt zu verweisen, im Falle der Nichterbringung der doppelten Zahlungen. Eine weitere byzantinische Delegation beklagte sich beim Großwesir über die Festung Rumeli, die auf europäischem Boden und damit auf byzantinischem Grund erbaut worden sei. Man verlangte die unverzügliche Räumung der Festung, stellte der Bau doch eine Bedrohung des Handelsverkehrs dar. Ihrer Aufforderung unbeachtet kehrte die byzantinische Gesandtschaft nach Konstantinopel zurück und Sultan Mehmed II. hatte nun einen vermeintlichen Grund für eine Kriegserklärung.
Nach der Eroberung der Stadt am frühen Morgen des 29. Mai 1453 überließ Mehmed die Stadt seinen Soldaten, so wie es das osmanische Kriegsrecht vorsah. Es war ihnen gestattet, Kirchen und Klöster zu plündern, Frauen zu schänden, Sklaven zu erbeuten. Der Westen prägte vor allem das spätere Bild des blutrünstigen Eroberers, was auch durch die so genannten „Türkendrucke“ Verbreitung fand. 

Die Eroberung Konstantinopels war für Mehmed II. Fatih („der Eroberer“) ein symbolischer Sieg sondergleichen. Lange Zeit hatte die Stadt zu den größten urbanen Zentren Europas gezählt. Kostantiniyye, so ihr unter den Osmanen gebräuchlicher arabischer Name, wurde islamisiert und erlebte als neue Hauptstadt des aufstrebenden Reiches einen ungeheuren Aufschwung. Byzantinische Traditionen prägten das Stadtbild aber auch weiterhin. Die Hagia Sophia war für Mehmed ein Symbol des Triumphes. Er ritt in die Kirche ein, ließ sie zur Moschee weihen und mit Minaretten versehen. Mehr noch wurde die einst größte Kirche der Christenheit gar zum zentralen Vorbild für den Bau großer Moscheen.

Mehmeds Ziel war es auch die griechischen Elemente in der Stadt zu erhalten, so konnten die Menschen ebenso ihrem gewohnten alltäglichen Leben nachgehen. Gegen Entrichtung einer Kopfsteuer durften die Menschen auch ihre Konfessionen und Glaubensüberzeugungen beibehalten.  Mehmed versuchte sogar jenen Großadmiral Großherzog Lukas Notaras mit der Verwaltung der Stadt zu betrauen. Wahrscheinlich war es dem Sultan auch ein Anliegen durch den Erhalt und die Förderung der griechischen Kultur die Wirtschaft und den Handel erneut anzutreiben, was mit der Integration der Griechen in seine Verwaltung bestenfalls gelingen konnte. Doch dies misslang aufgrund der von Mehmeds Beratern gesponnenen Intrigen, die ebenso die Hinrichtung des Großadmirals mitsamt seiner Familie veranlassten. Daraufhin ließ Mehmed aber Gennadios Scholarios, jenen Kenner der westlichen Philosophie und Theologie, zu sich beordern und ernannte ihn zum ersten ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.

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