Was weiß man über die Übersetzungsschulen und den griechisch-lateinisch-arabischen Wissenstransfer in Byzanz? Kann man sich unter "Übersetzungsschulen" tatsächlich eine Schule vorstellen, oder handelte es sich dabei mehr um Netzwerke?

Anna Maria Steinkress

Wissenswertes

Als sich unter den Kalifen der Abbasiden-Dynastie (ab 750), die 762 Bagdad als neue Hauptstadt gründeten, das Interesse am Wissen der Griechen intensivierte, folgten sie dabei wie auch in anderen Aspekten dem Vorbild der persischen Sasaniden-Dynastie (die den Irak und den Irak vom 3. Jh. bis zur arabischen Eroberung im 7. Jh. beherrscht hatte); schon einige von deren Großkönigen hatten aktiv die Sammlung und Übersetzung von Texten der Nachbarkulturen (u. a. Rom-Byzanz, Indien) unterstützt. Neben den Kalifen selbst förderten auch Mitglieder der Elite wie die von buddhistischen Klostervorständen in Balch (im heutigen Afghanistan) abstammende Familie der Barmakiden Gelehrte mit verschiedenen sprachlichen Hintergründen und die Übersetzung von Texten (etwa am von ihnen gestifteten Hospital in Bagdad). Eine heftige Debatte besteht allerdings über die tatsächliche Institutionalisierung der Übersetzungstätigkeit, die oft mit dem sogenannten „bait al-ḥikma“ (dt. Haus der Weisheit) verknüpft wird; Kalif al-Mamun soll es um 825 zu einer regelrechten Akademie mit einem Personalstand von bis zu 90 Personen ausgebaut haben. Doch ist das Interesse insbesondere an wissenschaftlichem und medizinischem klassisch-griechischen Schriftgut für die Zeit des al-Mamun zwar gut belegt (so soll er auch versucht haben, den berühmten Mathematiker Leon aus Byzanz abzuwerben), die Evidenz für eine quasi offizielle akademische Funktion des bait al-hikma jedoch nicht eindeutig. Deutlich sichtbar werden hingegen verschiedene auch miteinander verbundene, von einzelnen Herrschern und Mächtigen geförderte Gruppen, wobei insbesondere auch Gelehrten der syrischen Sprache als Vermittlern zwischen dem Griechischen und dem Arabischen eine besondere Rolle zukam. In der Wiener Byzantinistik gibt es derzeit auch zwei vom European Research Council geförderten Projekte („Reassessing Ninth Century Philosophy. A Synchronic Approach to the Logical Traditions“ von Christophe Erismann an der Universität Wien; “Transmission of Classical Scientific and Philosophical Literature from Greek into Syriac and Arabic” von Gregory Kessel an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), die sich diesen Austausch- und Übersetzungsbewegungen und der Frage „wer wie was warum übersetzte“ widmen.

Eine intensivere Übersetzungstätigkeit aus dem Lateinischen ins Griechische ist in Byzanz wieder im 13. und 14. Jh. zu beobachten, wobei das Interesse einzelner Gelehrter insbesondere philosophischen Texten, etwa der Scholastik (z. B. Thomas von Aquin) galt; einige von ihnen standen auch im Kontakt mit in Konstantinopel tätigen Dominikaner-Mönchen, etwa Demetrios Kydones (1324-1397/1398), der bei ihnen Latein lernte und später zum katholischen Glauben konvertierte. Zu einer Institutionalisierung kommt es hier am ehesten von lateinischer Seite eben durch die Dominikaner-Konvente, die im Sinne einer Auseinandersetzung mit der byzantinischen Orthodoxie aktiv den Erwerb von Sprachkenntnissen durch ihre Ordensmänner und die Übersetzung von griechischen Texten (bzw. eben die Vermittlung lateinischer Sprachkenntnisse an Byzantiner) förderten.

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