Wie konnte so ein großes Land wie das Fränkische Reich aus dem Nichts entstehen?

Nicolas Klatzer

Geschichte

Die Langobarden hatten ab 568 weite Teile der Apenninenhalbinsel besetzt. Den Byzantinern waren lediglich Sizilien und der Großteil Unteritaliens sowie Besitzungen
rund um die Hauptstadt Ravenna verblieben, dazu noch ein Korridor, der Ravenna mit Rom verband. An eine Gegenoffensive war nicht zu denken, denn das Byzantinische Reich befand sich in einer existenzbedrohenden Krise. Die aggressive Expansionspolitik Kaiser Justinians hatte den Staatshaushalt schwer belastet, und der Ausbruch der Pest sowie weitere Naturkatastrophen hatten dazu geführt, dass zahlreiche ländliche Siedlungen aufgegeben wurden und die Staatseinnahmen sanken. Viele der antiken Städte waren bald nicht mehr wiederzuerkennen. Die Langobarden nutzten die Situation und setzten ihre Eroberungen fort. 750/51 fiel mit Ravenna die traditionsreiche Hauptstadt des einstigen Weströmischen Reiches; die Herrschaft in Venedig und Neapel war bestenfalls noch theoretischer Natur. Auch Rom konnte vor dem Zugriff der Langobarden nicht mehr geschützt werden, und so suchte die Stadt unter Führung des Papstes eine neue, potentere Schutzmacht. Fündig wurde man bei den Franken. Im Jahr des Falls von Ravenna (751) wurde im Frankenreich der Karolinger Pippin (der Jüngere) zum König gewählt. Drei Jahre später suchte ihn Papst Stephan II. höchstpersönlich in seiner Residenz in Ponthion auf, um von ihm Hilfe gegen die Langobarden zu erbitten. Pippin entsprach dem Wunsch und zwang die Langobarden zum Rückzug. Außerdem soll der Frankenkönig dem Papst die ehemaligen byzantinischen Besitzungen von Ravenna bis Rom zum Geschenk gemacht haben („Pippinische Schenkung“) – der Grundstein des Kirchenstaates war damit gelegt. Pippins Sohn Karl („der Große“) machte das Frankenreich endgültig zur europäischen
Großmacht: In Italien zerschlug er das Langobardenreich (774) und nannte sich fortan rex francorum et langobardorum – „König der Franken und Langobarden“. In langen Kriegen unterwarf er die Sachsen und Awaren und gliederte auch Bayern dem Frankenreich ein. Kunstschaffen und Literatur, aber auch die Wirtschaft gelangten zu einer über Jahrhunderte nicht dagewesenen Blüte. Karl unterhielt diplomatische Beziehungen nach Skandinavien, England, Spanien, Bagdad, Rom und Konstantinopel. 

Jene zu Letzteren wurden im Jahre 800 auf eine harte Probe gestellt, als Papst Leo III. Karl in Rom zum ersten römischen Kaiser im Westen seit den Tagen von Romulus „Augustulus“ (476) ausrief (Raum VIII). Die Krönung war ein offener Affront gegen Konstantinopel, wo sich die Kaiser als Einzige in der Nachfolge der römischen Caesaren sahen. Aus päpstlicher Sicht wiederum hatten die Byzantiner
ihre Chancen verwirkt, weil ihre Macht nicht mehr in den Westen reichte. Ein zusätzliches Argument zur Legitimation bot die Tatsache, dass zum Zeitpunkt von Karls Krönung mit Kaiserin Eirene (reg. 797– 802) „nur“ eine Frau auf dem Thron in Konstantinopel saß (was auch in Byzanz nicht üblich war). Außerdem hatte sich im Westen schon seit Längerem etabliert, den byzantinischen Herrscher herabwürdigend
als imperator Graecorum („Kaiser der Griechen“) zu betiteln und so seine Ansprüche auf das römische Kaisertum infrage zu stellen.

 

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