Warum gab es in der Ostkirche kaum Hexenverfolgungen und warum keine Reformation?

Herta Kuna

Alltag & Religion

Verschiedene Arten der Zauberei, insbesondere zur Schädigung von Besitz oder Leib und Leben anderer, wurden schon in der römischen Gesetzgebung vor der Christianisierung des Römischen Reiches zum Teil mit schweren Strafen bis zur Hinrichtung geahndet. Diese Gesetze wurden auch im Byzantinischen Reich übernommen und seitens der Kirche durch weitere Bestimmungen über verschiedene Bußen bis hin zum Ausschluss von der Kommunion oder der kirchlichen Gemeinschaft ergänzt. Dementsprechend wurden auch in Byzanz Fälle von Zauberei vor weltlichen und in späteren Jahrhunderten insbesondere vor kirchlichen Gerichten immer wieder verhandelt und  Angeklagte bei Erweis entsprechender magischer Handlungen verurteilt – allerdings in der Regel zu Haft, körperlicher Züchtigung oder maximal Verbannung und Konfiskation des Vermögens, hingegen nicht zum Tod. Die Umsetzung dieser dennoch schweren Strafen oblag in jedem Fall der weltlichen Gerichtsbarkeit und nicht der kirchlichen. Ergänzend konnten kirchliche Autoritäten weitere Maßnahmen setzen; so wurde eine reumütige prominente Zauberin namens Amarantina um 1350 in Konstantinopel in einem Kloster unter Aufsicht gestellt. Kurz gesagt: Hexerei wurde auch in der byzantinischen Kirche verfolgt, aber mit weniger dramatischen Maßnahmen als während der intensivsten Zeit der Hexenverfolgung in Mitteleuropa zwischen 1550 und 1650. Doch auch für diese Periode hat die jüngere Forschung erwiesen, dass die Rolle der (westlichen) Kirchen dabei nicht dominierend war (so wurde etwa der berüchtigte „Hexenhammer“ des Heinrich Kramer von 1486 seitens der katholischen Kirche nie offiziell anerkannt und einige der wortmächtigsten Gegner der Hexenverfolgung entstammten dem Klerus). Für die Verurteilung und Hinrichtung der Hexen waren in der Regel weltliche Gerichte zuständig; die kirchlichen Inquisitionsgerichte in Spanien oder im Kirchenstaat etwa lehnten die Hexenverfolgung ausdrücklich ab.

Auch die byzantinische Kirche kannte Zeiten heftiger theologischer Auseinandersetzungen, etwa im Bilderstreit im 8. und 9. Jh. oder bei den Debatten um eine Union mit der Westkirche oder die mystische Richtung des Palamismus im 14. Jh., die zu zeitweiligen Spaltungen innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft führten. Dauerhaft hatten sich ja schon davor die „altorientalischen“ Kirchen in Ägypten, Syrien oder Armenien im 5.-6. Jh. von der „Orthodoxie“ Konstantinopels (und damals auch noch Roms) getrennt. Die „Reformation“ ist hingegen nur aus den spezifischen gesellschaftlichen und kirchengeschichtlichen Bedingungen in Mitteleuropa im 16. Jh. zu verstehen. Wesentliche Streitpunkte – der „Alleinherrschaftsanspruch“ des Papstes in Rom (verquickt mit seiner weltlichen Macht als Herr des Kirchenstaates) oder der Ablasshandel – waren in der byzantinisch-orthodoxen Kirche schlichtweg nicht gegeben (die sich außerdem seit 1453 im vom sunnitischen Islam dominierten Osmanischen Reich wiederfand). Nach dem Zerwürfnis mit Rom suchten protestantische Gelehrte hingegen sogar den Kontakt mit der Orthodoxie und interessierten sich für ihre Theologie und Geschichte – als Vertreter eine älteren „Alternative“ zur römischen Kirche.

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