Wie oft wurde erwiesenermaßen versucht West- und Ostkirche wieder zu vereinen?

Anonym

Alltag & Religion

Die Eroberung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug 1204 markierte (mehr als das sogenannte „Schisma“ des Jahres 1054) die tatsächliche Trennung von Ost- und Westkirche. Schon relativ kurz danach kam es in den 1230er und 1240er Jahren mit den im Exil in Nikaia (heute Iznik in der Nordwesttürkei) herrschenden byzantinischen Kaisern der Laskariden-Dynastie zu Gesprächen über die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit, allerdings ohne Erfolg. Die Byzantiner hatten u. a. gehofft, durch eine Union mit dem Papsttum eine Rückgabe Konstantinopels erreichen zu können. 1261 gelang Kaiser Michael VIII. Palaiologos aber überraschend die militärische Rückeroberung der Hauptstadt. Allerdings planten daraufhin verschiedene Mächte in Italien, insbesondere König Karl I. von Neapel und Venedig, einen neuerlichen Kreuzzug gegen Byzanz und wurden dabei teilweise von den Päpsten unterstützt. Um derartigen Plänen zumindest die kirchliche Legitimation zu entziehen, handelte Kaiser Michael VIII. eine Anerkennung der Oberhoheit des Papstes durch die byzantinische Kirche aus, die 1274 auf dem Konzil von Lyon zu einer formellen Union des Kirchen führte. Allerdings stieß sie auf großen Widerstand in weiten Kreisen der Kirche und des Volkes in Byzanz und erwies sich letztlich auch als untaugliches Mittel, um tatsächlich militärische Angriffe aus dem Westen abzuwehren. Deshalb wurde die Union nach dem Tod Michaels VIII. unter seinem Sohn und Nachfolger Andronikos II. 1282 wieder verworfen.

Allerdings sah sich Andronikos II. gegen Ende seiner Regierung in den 1320er Jahren zu neuerlichen Unionsverhandlungen genötigt, diesmal in der Hoffnung, damit militärische Unterstützung durch das Papsttum und westliche Staaten gegen die wachsende Macht türkischer Emirate in Westkleinasien, darunter jenes der Osmanen, zu erhalten. Diese Verhandlungen wurden auch unter seinem Nachfolger Andronikos III. in den 1330er Jahren fortgesetzt. Und da der Druck der Osmanen, die 1352 nach Europa übersetzten, immer größer wurde, führten auch die folgenden byzantinischen Kaiser immer wieder Unionsgespräche (1369 unterstellte sich Kaiser Johannes V. Palaiologos bei einem Rombesuch durch ein Glaubensbekenntnis persönlich dem Papst, was aber ohne weitreichende kirchenpolitische Folgen blieb). Alle diese Verhandlungen scheiterten an konträren Vorstellungen über die Umsetzung der Union: während die byzantinische Seite wesentliche militärische Hilfe forderte als Vorleistung für eine Union der Kirchen, die dann durch Verhandlungen über alle theologischen Streitfragen auf einem allgemeinen Konzil aller Patriarchate (neben Rom und Konstantinopel auch Alexandria, Antiochia und Jerusalem) erreicht werden sollte, verlangten die Päpste die völlige Anerkennung ihrer Oberhoheit und dogmatischen Positionen durch die Ostkirche, bevor es zur irgendeiner Unterstützung gegen die Osmanen kommen könnte. Als die Osmanen dann Konstantinopel selbst bedrohten, sah sich Kaiser Johannes VIII. Palaiologos 1438 jedoch genötigt, persönlich mit einer großen Delegation von kirchlichen Vertretern nach Italien zu reisen, wo nach mehreren Sitzungen in Ferrara und dann in Florenz 1439 wieder eine formelle Union der Kirchen mit weitgehender Anerkennung der päpstlichen Positionen geschlossen wurde. Doch auch diese stieß nach der Rückkehr des Kaisers nach Konstantinopel auf großen Widerstand in Kirche und Volk, insbesondere auch, da die erhoffte militärische Hilfe gegen die Osmanen ausblieb oder wie im Kreuzzug von Varna 1444 scheiterte. Deshalb war auch diese Union de facto gescheitert, noch bevor 1453 die Osmanen Konstantinopel eroberten.

Danach kam es zu Teilunionen mit einzelnen orthodoxen Regionalkirchen (etwa mit der Union von Brest 1596 in Polen-Litauen), die zur Entstehung der sogenannten unierten Kirchen (mit orthodoxem Ritus innerhalb der katholischen Kirche) führten; die Existenz dieser Kirchen wird allerdings von Teilen der Orthodoxie bis heute eher als ein Hindernis für eine allgemeine Einigung angesehen. Zu intensiveren Gesprächen über eine solche kommt es nach der formellen Aufhebung der 1054 ausgesprochenen Bannsprüche zwischen Rom und Konstantinopel im Jahr 1965 immer wieder. Allerdings gibt es dazu innerhalb der orthodoxen Kirchen sehr unterschiedliche Meinungen – während das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel stark auf eine solche Einigung hofft, äußern sich Vertreter des Moskauer Patriarchats sehr skeptisch zu ihren Chancen. Wichtige Grundlagenarbeit leistet auch die in Wien beheimatete, von Kardinal Franz König gegründete Stiftung „Pro Oriente“ (http://www.pro-oriente.at/).

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden