Wie sehr hat sich die Pest auf den Niedergang des Byzantinischen Reiches ausgewirkt?

Elfriede Sirka

Geschichte

Erstmals wurde das Byzantinische Reich in der Regierungszeit des Kaisers Justinian I. ab 541/542 von der Pest heimgesucht (man spricht deshalb auch von der „Justinianischen Pest“). Der Erreger der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis, so benannt aufgrund der Entdeckung durch Alexandre Yersin (1863–1943) während eines Ausbruchs in Hongkong 1894. Sein Primärwirt sind Nagetiere, wobei die Übertragung zwischen Wirten durch Flöhe erfolgt; jedoch ist ein Überspringen der Seuche von Nagetierpopulationen auf Menschen möglich, wobei dann neben der Übertragung durch Flöhe eine weitere Verbreitung zwischen Menschen, gelegentlich sogar über die Luft, erfolgen kann. In der Forschung gibt es eine lange Debatte, ob der 1894 identifizierte Erreger mit jenen der Pestepidemien des 14. bis 17. Jahrhunderts („Schwarzer Tod“) und des 6. bis 8. Jahrhunderts („Justinianische Pest“) identisch ist. Neue Ergebnisse der DNA-Analysen von Erregern in den Überresten von Opfern der spätmittelalterlichen und der spätantiken Pest haben aber diese Identität bestätigt. Für das 6. Jahrhundert lieferten Gräberfelder in Aschheim und in Altenerding in Deutschland (beide im Landkreis München) für die maßgebliche Studie von David M. Wagner und seinen Kollegen 2014 wertvolle Hinweise. Die dort rekonstruierten genetischen Merkmale verweisen auf einen Yersinia-Erregerstamm, der sich auf dem Gebiet der heutigen VR China, genauer vermutlich auf der Qinghai-Tibet-Hochebene, zwischen 1000 v. Chr. und 500 n. Chr. entwickelt hatte. Die besonders feucht-kühlen Bedingungen, die nach einer ab 536 einsetzenden Kaltperiode (die sogenannte „Spätantike Kleine Eiszeit“, ca. 536–660) in weiten Teilen Afro-Eurasiens vorherrschten, begünstigten das Überspringen des unter den Nagetierpopulationen in der ostasiatischen „Heimat“ endemischen Erregers auf andere Nagetiere bzw. auf den Menschen. Über die Handelswege nach Westen verbreitete sich die Pest dann in den nächsten Jahren bis zum Indischen Ozean und erreichte über das Rote Meer um 540 Ägypten, vermutlich im Hafen von Klysma (das heutige Suez). Im Jahr 541 traf die Seuche in Pelusion (30 km südöstlich des heutigen Port Said) am Mittelmeer ein. Von Ägypten reisten infizierte Ratten und Menschen mit den alljährlichen Getreideflotten für die Versorgung der Reichshauptstadt nach Konstantinopel, wo die Pest im Jahr 542 während der Regierungszeit Justinians ausbrach. Auf den immer noch intakten Handels- und Verkehrsrouten wurde die Krankheit im ganzen Nahen Osten, Mittelmeerraum und darüber hinaus bis nach Irland getragen. In Konstantinopel forderte nach einigen Schätzungen die Pest 250 000 bis 300 000 Tote unter den 500 000 Einwohnern und weitere Millionen Opfer im ganzen Imperium, im Perserreich und in den angrenzenden Staaten. Da die Seuche für die nächsten 200 Jahre in regelmäßigen Wellen bis um 749 zurückkehrte, wurde die Bevölkerung des westlichen Afro-Eurasiens nachhaltig dezimiert; für den östlichen Mittelmeerraum geht man von einer dauerhaften Reduktion auf die Hälfte bis ein Drittel der Bevölkerungszahl vor der Pandemie aus, ehe sich die Demographie ab dem späteren 8. Jahrhundert wieder erholen konnte. Allerdings wurden diese „maximalistischen“ Szenarien jüngst einer kritischen Neubetrachtung unterworfen, die die Auswirkungen der Pest geringer einschätzt und sie als nur einen (und nicht unbedingt als bedeutendsten) Faktor neben anderen (Klimaveränderung, geopolitische Umwälzungen) für die Krise des Byzantinischen Reiches im 6.-8. Jh. sehen will.

Eindeutiger sind die demographischen Auswirkungen für die zweite große Pestepidemie, den “Schwarzen Tod” des Spätmittelalters, auszumachen. Wieder hatte der Yersinia pestis-Erreger seinen Ursprung in Ost/Zentralasien und verbreitete sich (nach einer Klima-Abkühlung mit dem Beginn der sogenannten „Kleinen Eiszeit“) über die durch die mongolischen Eroberungen des 13. Jh.s intensiver genutzten Handelswege um das Jahr 1346 nach Westen bis ans Schwarze Meer, wo Händler aus dem gesamten Mittelmeerraum Waren aus dem „Fernen Osten“ einkauften und nun auch die Seuche weiterverbreiteten. Mit Handelsschiffen kam die Pest auch von der Krim nach Konstantinopel, wo die Seuche erstmals im Juli 1347 ausbrach. Im Herbst 1347 verbreitete sie sich weiter über die Ägäis nach Thessalonike, auf die Inseln Lemnos, Euboia und Kreta und bis zu den Häfen Korone und Methone auf der Peloponnes. Bis zum nächsten Jahr erfasste sie auch Rhodos und Zypern sowie Städte in Kleinasien, darunter auch die damalige osmanische Hauptstadt Bursa. Ebenso wurden auch Italien und danach ganz Westeuropa bis hin nach Skandinavien in den nächsten Jahren vom Schwarzen Tod betroffen; verschiedene Dokumentationen lassen es diesmal zu, die Verluste recht eindeutig auf ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung zu schätzen. Für die damals dem byzantinischen Reich verbliebenen Territorien belegen z. B. Steuerregister für Dörfer in Makedonien die dramatische Schrumpfung der Einwohnerzahlen; entsprechend ging auch das Ausmaß der landwirtschaftlichen Nutzung zurück, wie etwa Pollenanalysen ergeben. Somit trug die Pest zur Schwächung des ohnehin bereits in einer schweren Krise befindlichen Byzantinischen Reiches bei (sie traf auch in einer zweiten Phase von Bürgerkriegen zwischen 1341 und 1354 ein). Ab 1352 gingen Byzanz die verbliebenen Provinzen in Europa an die Osmanen verloren, die 1453 zuletzt auch Konstantinopel eroberten. Die Pest kehrte allerdings auch in den folgenden Jahrhunderten im Osmanischen Reich mehrfach in Wellen wieder, sogar bis ins 19. Jh. (in Wien gab es den letzten Ausbruch 1679).

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden