Warum haben die römischen Päpste so großen Wert auf weltliche Macht gelegt, im Gegensatz zu den byzantinischen Patriarchen?

Heinz Blüml

Geschichte

Die weltliche Macht wuchs den Päpsten gleichsam zu, als sich die römischen Kaiser in den unsicheren Zeiten des 5. Jh.s aus Rom zurückzogen und ihre Residenz u. a. ins besser zu verteidigende Ravenna verlegten. Als Bischöfe von Rom wurden die Päpste somit zu Stadtherren der Metropole am Tiber und sorgten sich um die Verteidigung und Versorgung der Bevölkerung in diesen Krisenjahrzehnten (so erreichte etwa Papst Leo I. 452 den Abzug der Hunnen unter Attila, die Rom bedroht hatten). Mit der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers 476 verschwand auch das Kaisertum als übergeordnete Autorität im Westen Europas – und diese Rolle übernahmen nun ebenso mehr und mehr die Päpste, auch da die überregionalen kirchlichen Netzwerke durch Bistümer und Klöster in großen Teilen Westeuropas aufrecht blieben, währen die staatlichen Strukturen zusammenbrachen. Auf dieser besonderen Entwicklung im Bereich der Westkirche gründete die Macht und der Machtanspruch der Päpste, der später auch durch Dokumente wie die „Konstantinische Schenkung“ (eine gefälschte Urkunde des 9. Jh.s, demnach Kaiser Konstantin der Große im 4. Jh. bei der Verlegung seines Sitzes nach Konstantinopel die Autorität im ganzen weströmischen Reich dem Papst überantwortet hätte) fixiert wurde. Im Bündnis mit der neuen Macht der karolingischen Frankenkönige erhielten die Päpste dann im 8. Jh. sogar ein weit über Rom hinausreichendes Territorium in Mittelitalien – den Kirchenstaat – der bis zur Einigung Italiens um 1870 Bestand hatte. Die Päpste nahmen dann auch das Recht für sich in Anspruch, das römische Kaisertum im Jahr 800 mit der Krönung des Frankenkönigs Karl zu erneuern – ebenso dann aber gegen die Versuche dieser neuen römischen Kaiser, ihre Macht auf die Kirche auszudehnen, im sogenannten Investiturstreit im 11. und 12. Jh. vorzugehen. Während der reale Einfluss des (nun) römisch-deutschen Kaisertums schwand, wurden die Päpste tatsächlich als höchste Autorität in der westlichen Christenheit anerkannt, bis dann die Reformation im 16. Jh. zu einer dramatischen Spaltung dieser Sphäre führte.
Eine ähnliche Entwicklung gab es in der byzantinischen Ostkirche nicht – dort blieben die Patriarchen in Konstantinopel immer stark unter dem Einfluss der politischen Macht, zuerst der oströmisch-byzantinischen Kaiser, nach dem Fall Konstantinopels 1453 auch unter dem der osmanischen Sultane. Allerdings gab es auch hier einzelne machtbewusste Patriarchen, die durchaus mit einer ähnlich starken Stellung wie jener der Päpste im Gefüge der Ostkirche liebäugelten – etwas Patriarch Photios im 9. Jh. oder Michael Kerullarios (unter dem es 1054 auch zum sogenannten Schisma mit der Westkirche kam) im 11. Jh. Als der Einfluss der byzantinischen Kaiser im den beiden letzten Jahrhunderten des Reiches nach 1261 schwand, traten auch nach außen mehrfach die Patriarchen als Repräsentanten der Reichsinteressen auf, da ihre Autorität auch noch in weit entfernten Gebieten der Orthodoxie wie in Russland anerkannt wurde. Zu einer tatsächlichen weltlichen Herrschaft der Patriarchen konnte es aber aus den genannten Gründen nie kommen.
 

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