Etliche Päpste stellten sich, aus welchem (?) Grund auch immer, präpotent und vehement über die weltliche Herrschaft. [...]

Heinz Blüml

Geschichte

[...] Obschon es in der Bibel heißt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" und "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Sie stellten damit den göttlichen Herrschaftsanspruch über den weltlichen. Was in der Ostkirche, mir verständlich, anders lief. Anderseits waren vorher weltliche Entscheidungen durchaus zu Grundlagen christlichen Theologie geworden.Gab es dafür irgendwelche "theologischen" Gründe?

Mit der Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin den Großen im 4. Jh. wurde das römische Kaisertum in zentraler Stelle in das Gefüge der Kirche integriert; dies wurde insbesondere auf dem (offiziell schon von Kaiser Konstantin) einberufenen ersten allgemeinen (ökumenischen) Konzil von Nikaia 325 sichtbar, auf dem unter dem Vorsitz des Kaisers zentrale theologische und organisatorische Weichenstellungen vorgenommen wurden. Das römische Reich wurde nun (im Gegensatz zur Zeit der Verfolgung der Christen im 2. und 3. Jh.) als wichtiges Instrument des göttlichen Heilsplans interpretiert, dessen Herrschaft zur Sicherheit und Verbreitung der christlichen Gemeinde beitragen würde; dementsprechend konnte auch der weltlichen Macht in Gestalt des Kaisers eine Teilhabe an der Entwicklung und insbesondere des Schutzes des Glaubens zugebilligt werden.

Im Westen des römischen Reiches sah sich die Kirche allerdings (wie in der letzten Antwort geschildert) im 5. Jh. einem immer dramatischeren Verfall der weltlichen Kaisermacht gegenüber, auf den neue Antworten gefunden werden mussten. Unter dem Schock der Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahr 410 verfasste Augustinus von Hippo (später als heiliger Kirchenvater verehrt) sein Werk „De civitate dei“, in dem er dem „weltlichen Staat“, der eben auch dem Verfall unterliegen kann, den in der Gemeinschaft der Christen verwirklichten, auf das ewige Seelenheil ausgerichteten „Staat Gottes“ oder „himmlischen Staat“ gegenüberstellte. Letzterer konnte auch dann Bestand haben, wenn ersterer verfiel und war ihm deshalb überlegen. Darauf aufbauend formulierte Papst Gelasius I. um 494 die „Zwei-Schwerter-Theorie“, demnach Gott zwei Gewalten (symbolisiert durch die Schwerter) auf Erden eingerichtet hat, nämlich die weltliche, die dem Kaiser und den Königen zukommt, und die geistliche Autorität der Bischöfe (mit dem Papst an der Spitze). Da die geistliche Gewalt sich um die ewigen Güter der Seele und des Himmels kümmert, sei sie der nur auf das Zeitliche beschränkten weltlichen Gewalt überlegen, insbesondere wenn etwa die Kaiser eine (in den Augen der Kirche) irrige religiöse Lehre durchsetzen wollten (und somit das Seelenheil ihrer Untertanen gefährdeten). Somit wurde neu definiert, „was des Kaisers“ und „was Gottes“ (und des Papstes) ist. Mit der Krönung eines neuen römischen Kaisers in Gestalt von Karl dem Großen im Jahr 800 durch Papst Leo III. konnten dann die Päpste sogar festhalten, dass auch die Überreichung des weltlichen Schwerts an die weltliche Gewalt ihnen oblag. Wie in der ersten Antwort ausgeführt, erhielt das Papsttum um diese Zeit auch ein weltliches Territorium in Mittelitalien in Gestalt des Kirchenstaats.

Die Vehemenz, mit der dann folgende Päpste (etwa Gregor VII. im 11. Jh. – Stichwort Canossa – oder Innozenz III. im 12./13. Jh.) diese Ansprüche gegenüber weltlichen Herrschern durchzusetzen versuchten, hing natürlich auch von ihrer jeweiligen Persönlichkeit ab. Die Ansprüche als solche sind aber nicht auf die „Präpotenz“ einzelner Päpste zurückzuführen, sondern gründen in den besonderen Entwicklungen des Verhältnisses zwischen kirchlicher und weltlicher Macht in Westeuropa unter dem Eindruck der Verfalls der übergeordneten imperialen Autorität Roms (die eben im Osten in Konstantinopel – zumindest formell – bis 1453 erhalten blieb).

 

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