Wenn es in Byzanz kein Feudalsystem gab, wie war es dann aufgebaut? Gab es Titel wie Herzog oder Graf, oder vergleichbare Ränge wie in einer Lehenspyramide?

Iris

Kaiser

Die byzantinische Gesellschaft war prinzipiell ganz anders strukturiert als im Westen. Dennoch hat es im Byzantinischen Reich eine Art aristokratischer Oberschicht gegeben. Hier muss allerdings kurz auch auf die byzantinische Steuerpolitik und Verwaltung eingegangen werden. Das Steuerwesen in Byzanz zählte mitunter zu den raffiniertesten Steuersystemen der mittelalterlichen Welt. Durch die reguläre Besteuerung von Grundbesitz schöpfte man den Überfluss an Geld und Rohstoffen ab. Auf gewisse Dienstleistungen wie Bautätigkeit, Straßenerhalt, Brücken, Befestigungen, Bereitstellung von Handwerksarbeiten etc. gab es zudem Sondersteuern. Ein Verwaltungsbeamter im Byzantinischen Reich zu sein brachte einige Vorteile mit sich: den angesehenen sozialen Status der eigenen Person und der Familie, das Einkommen sowie Aufstiegschancen für sich und die eigene Familie. Im Prinzip gab es keine Vorschriften und Auflagen, um einen Posten in der Verwaltung zu ergattern. Freilich waren in der Praxis gewisse Kontakte und Beziehungen vonnöten. Manche Ämter konnten allerdings auch erkauft werden. Dennoch waren in der Regel gewisse Ämter eher von Mitgliedern aristokratischer Familien ausgeübt worden. Auch in Byzanz versuchte man durch die Verleihung von Ämtern und Titeln bei Hof gewisse Personen an den Kaiser zu binden. Daher entstand am Hof auch bald das Bedürfnis vermehrt neue Ämter und Titel einzuführen, was in der mittelbyzantinischen Zeit etwa zu einer Titelinflation geführt hatte. Alte Titel verloren daher an tatsächlicher Macht und wurden durch neuere Titelkombinationen ersetzt. Gerade in der mittelbyzantinischen Zeit kam es allmählich zu einer Situation, die dem Lehenswesen in Westeuropa recht ähnlich war: Einzelne mächtige Familien begannen in immer stärkeren Ausmaß ganze Provinzen allein und nahezu autark zu verwalten. Einige Quellen dokumentieren für die Mitte des 10. Jh.s auch vermehrt politische Aktivitäten einzelner Familien während die wirtschaftliche Macht jener Familie aus deren Grundbesitz resultierte. Ab dem 12. Jh. ging man oft dazu über Männer, die für ihre militärischen oder zivilen Leistungen früher noch mit Geld bezahlt wurden, mit Grundbesitz zu entlohnen. Zu Beginn übertrug man lediglich die Erträge oder die Steuereinnahmen eines Landstrichs, zu späterer Zeit gar den ganzen Grund. Die neuen Grundherren konnten somit selbst Geld von den steuerpflichtigen Bauern eintreiben. Das führte allmählich auch zur Entmachtung der zentralen Finanzbürokratie zu Gunsten einer privaten Finanzverwaltung. Das führte dazu, dass der Kaiser aus vielen Provinzen keine großen Steuereinnahmen mehr bekam. Gegen Ende des 12. Jh.s befand sich ein überwiegender Teil des Landes im Besitz adeliger hochrangiger Familien – darunter fanden sich natürlich auch Mitglieder der kaiserlichen Familie.

Die weltliche Stellung, die ein Byzantiner innehatte definierte sich im Grunde genommen durch seine Nähe zum Kaiser. Daher war es entscheidend welche Rangklasse einem durch den vom Kaiser verliehenen Titel zukam. Das Werk über die Hofämter aus den, das einem gewissen Pseudo-Kodinos, zugeschrieben wird, gibt einen bedeutenden Einblick in die byzantinische höfische Gesellschaftsstruktur. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel „Byzantine bureaucracy and aristocracy“ vermittelt für den Einstieg einen guten Überblick über die gebräuchlichsten Hofämter und Titel.

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