Inwieweit kann man die jetzige Situation in Syrien etc. aus den historischen Erfahrungen von Byzanz und dem Westen ableiten. Wie sehr beeinflussen die historischen Ereignisse von damals die jüngste Vergangenheit in diesem Krisen- und Kriegsgebiet?

Nicole Lovaszi

Geschichte

Seit dem 10. Jahrhundert wurde Syrien zu einem umstrittenen Grenzgebiet zwischen dem (wiedererstarkten) Byzantinischen Reich, dem (sunnitischen) Kalifat der Abbasiden im Irak und dem (schiitischen) Kalifat der Fatimiden in Ägypten. Dies trug gemeinsam mit dem Auftreten verschiedener Beduinenverbände zu einer starken politischen Fragmentierung in verschiedene kleiner Herrschaftsgebilde bei, die auch versuchten, zwischen den benachbarten Großmächten zu lavieren (wie etwa das Emirat von Aleppo). In dieser Gemengelage traten neben länger etablierten christlichen und islamischen Gemeinschaften auch neue, bis heute im syrischen Raum wichtige religiöse Bewegungen auf wie die Drusen (die ab 1017 den Fatimidenkalifen al-Hakim als Gott ansahen) oder die schiitische Sonderrichtung der Alawiten, die sich ebenfalls um diese Zeit aus dem Irak nach Syrien verbreiteten. Insbesondere diese beiden Gruppen wurden auch oft durch Vertreter des islamischen „Mainstreams“ der Sunniten verfolgt. In der zweiten Hälfte des 11. Jh.s brach die Machtstellung der Byzantiner in Nordsyrien und der Fatimiden im Süden zusammen; an ihre Stelle traten seldschukisch-türkische Machthaber und dann ab 1096 auch die Kreuzfahrer aus dem Westen, die nun ebenfalls kleinere Fürstentümer neben den muslimischen Emiraten gründeten. Erst mit der Eroberung durch die Mamlukensultane von Ägypten im späteren 13. Jh. wurde Syrien wieder in eine größere politische Einheit integriert, das zuvor entstandene Mosaik an ethnischen und religiösen Gruppen blieb aber bestehen. Dies gilt auch für die ab 1516 etablierte Herrschaft der Osmanen und die nach dem Ersten Weltkrieg folgende Mandatsherrschaft der Franzosen. Letztere sahen sich durchaus als „Nachfolger“ der „fränkischen“ Kreuzfahrer des 11.-13. Jh.s; gemäß dem Motto „teile und herrsche“ bevorzugten sie auch einzelne Gruppen innerhalb Syriens wie etwa die Alawiten, die bis 1937 sogar einen eigenen Staat innerhalb des Mandatsgebiets an der syrischen Küste erhielten. Die Alawiten nahmen auch nach der Unabhängigkeit Syriens 1946 wichtige Positionen in der Armee und in der Verwaltung ein; auf dieser Grundlage entstand auch das Regime der alawitischen Assad-Familie (ab 1970).
Das religiöse und ethnische Mosaik in Syrien mit all seinen Potentialen für ein friedliches Zusammenleben, aber eben auch heftige Konflikte findet somit gewissermaßen seine historische Tiefenschicht in der Epoche, die in der Ausstellung „Byzanz und der Westen“ betrachtet wird. Diese komplexe Geschichte lässt sich nur aufgrund einer Vielzahl von historischen Texten in verschiedenen Sprachen (Arabisch, Syrisch-Aramäisch, Griechisch, Latein, Armenisch usw.) rekonstruieren, sodass es schwerfällt, hier eine allgemeine Quelle zu nennen. Für einen ersten Überblick nützlich ist aber der von Bernd Lemke herausgegebene Band „Irak und Syrien (Wegweiser zur Geschichte)“ (2016), für eine tiefergehende Recherche für die mittelalterliche Periode der in der Wiener Reihe „Tabula Imperii Byzantini“ von Klaus-Peter Todt und Bernd Andreas Vest erstellte Band 15 „Syria“ (2015, 3 Bände mit 2696 Seiten).

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